Pfarrchronik Reiners

Aufräumungsarbeiten an der Kirche beginnen

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| Mit Pferd und Karre wird der erste Schutt geräumt |

Ab Mitte September 1945 organisiert Pfarrer Reiners die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten an der Kirche. In seiner Pfarrchronik hält er auf über 100 handschriflichen Seiten detailliert fest:

  • Wie viele Stunden gearbeitet wurden
  • Welche Arbeite ausgeführt wurden (Schutt laden, Steine klopfen, …)
  • Wie viele Karren Schutt verladen wurden
  • Welche Personen gearbeitet haben  

Dabei führt er eine Statistik:

  • Sep. ’45: 145 Fuhren, 91 Personentage
  • Okt. ’45: 245 Fuhren, 184 Personentage
  • Nov ’45 bis Jan ’46: 326 Fuhren, 349 Personentage

Das sind in Summe 716 Fuhren und 624 Personentage, was einer Stärke von etwa 6 Personen entspricht – also 6 Personen Vollzeit 40h/Woche von September bis Januar.

Noch für März 1946 sind diese Summen aufgeführt, danach nicht mehr:

  • Mär ’46: 325 Fuhren, 45 Personentage

Nachfolgend zwei Auschnitte aus der Pfarrchronik zum Beginn der Aufräumarbeiten im September und einer Zustandsbeschreibung der Gebäude zum Oktober 1945.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Der Beginn der Aufräumarbeiten im September 1945: 

Arbeiten und Dienste Erwachsener

September 1945

  1. nachmittags: Um 7 Uhr begann Franz Lenzen mit Leni Lang und einem Pferd und einem Hans Gereon Schmitz. Nach der heiligen Messe half Lehrer Ferdinand Schulte und Lisa Lang mit, den Schutt an der Sakristei wegzuräumen. 9 Fuhren wurden geschafft. Christian Jäger schaffte am Nachmittag. Pferd und Karre von Froitzheim bediente Gottfried Dohmen, Sohn der M… Völker. Ihm half Hubert Esser. Sie legten den Eingang zur Kirche frei. Er schaffte 4 Fuhren.
  1. morgens: Anton Schiffer erschien mit Pferd und Karre. Ihm half Nik. Edinger und Agathe Nießen sowie Herbert Dohmen. Auch Franz Breuer half einige Stunden. Sie schafften 10 Fuhren. Nachmittags holten sich Nik, Edlinger Karre und Ochs von W. Esser. Ihm half meine Schwester Mechthilde und Grethe Schiffer trotz Regen den ganzen Nachmittag. ……….. Frau Anton Jülicher. 7 Fuhren.
  1. morgens: Pferd und Karre und Peter Bergrath, Peter Jörgen, Agnes u. Gertrud Reitz, Anneliese Lieven (spätere Anneliese Skvorec), Frau Held, Sophie Froitzheim. Sie schafften 9 Fuhren. Nachmittags: Pferd von Meer und Jakob Keutmann, Nikolaus Deuser, Frau Held, Franz Klütz und Heinrich Schiffer und Frau Schiffer, Wilhelm Schmitz, Anneliese Lieven, Agnes und Gertrud Reitz. 6 Fuhren.
  1. Mit Pferd und Karre von Althoff-Dohmen fuhr Herrmann Jäger eine Fuhre.
  1. Mit Pferd und Karre fuhr …. Vaehsen und Wilhelm Claßen. 11 Fuhren.
  1. Mit Pferd und Karre erschienen nachmittags der derzeitige Bürgermeister Wilhelm Mülfahrt, Hubert, Maria, Josef, Bärbchen Mülfahrt und schafften 5 Fuhren. Die Westseite wurde freigelegt. Dito erschien mit Pferd und Karre Lothar Müte und leistete 4 Fuhren.
  1. Mit Pferd und Karre erschien nochmals Wilh. Mülfahrt mit Maria, Hubert u. Josef. Sie schafften 4 Fuhren. Nachmittags erschienen Jakob Keutmann, Josef v. Ameln, Heinrich Krichel, Sibilla Krichel, Käthe und …. Krafft, Josefina Steffens, Sibilla und Luise Roeben. —
  1. Mit Ochs und Karre kam Martin Esser; ihm halfen Wilhelm Küppers und Hubert Meyers, Stine …… Frau Heidelberg und Frau Christin Nießen, Klara Küppes und Bärbchen Mülfarth und Frau Müntz (bei Krauthausen bei Mersch), Änna Meyers und Peter Jäger. Auch Heinrich Küppers erschien kurz. Sie schafften 9 Fuhren. Morgens war auch Änne Schiffer da.
  1. Mit Karre und Pferd erschien Peter Schmitz und Gertrud Schmitz. Desgleichen Gretchen und Wilhelm Honold. Ebenso war mit Pferd und Karre da Engelbert Steffens und Fina Steffens. Hubert Jäger. 7 + 7 Fuhren. Nachmittags mit Pferd und Karre erschien Johann Krafft, und der Sohn Ludwig von Schiffer Martin. Ihnen halfen: Margarethe Honold, Frau Wilhelm Heister, Frau Breuer, Agnes Schmitz, Elisabeth Emmerich. Sie schafften 4 + 6 Fuhren.
  1. Mit Pferd und Karre waren trotz regnerischen Wetters Engelbert Krichel und Peter Breuer da: 5 Fuhren. Nachmittags mit Pferd und Karre war Josef Spengler da und ….. Brandenburg. Soldaten. 7 Fuhren.
  1. Mit Pferd und zwei Karren erschien Josef Krauthausen. Ihm half sein Soldat Maruhn. 8 Fuhren.
Kinder

September 1945

  1. Am 18.9.1945 waren da: Willi Lieven, Maria Mütz, Franziska Jäger, Hubert Reitz, Wili und Heinrich Krieger. Sie brachten am Nachmittag den Friedhof mit in Ordnung.
    Nachmittags: Heinrich und Willi Krieger, Hubert Reitz, Max und Peter Josef Krauthausen, Franziska Jäger, Maria Mütz, Fran Josef Nöthlings, Karl Heinz Eickmanns, Hermann-Josef Rixgens, Willi Heidelberg, Franz Spengler. Auf eine Stunde ließen sich auch Agathe und Helene Deuser sehen.
  1. Am 19.9.45 waren morgens da: Willi Lieven, Franziska Jäger, Maria Mütz, Katharina Küppers, Maria Lieven, Edmund Keutmann,  Willi Krieger, Hubert Jäger, Willi Heidelberg, Anni Breuer, Therese Mülfarth.
    Nachmittags: Hubert reitz, Willi und Heinrich Krieger, Maria Lieven,, Max und Peter Krauthausen, Adolf und Friedel Meyers, Hubert, Franz und Peter Spengler, Hubert und Franziska Jäger, Herrmann, Magdalena und Katharina Küppers, Hubert Mütz, Anni Breuer, Therese Mülfarth, Franziska Lorenz, Franz Rainer Herbergs, Willi Lieven, Edmund Keutmann, Willi Heidelberg, Wegen Regen arbeiteten sie mit Ausnahmen von Th. Mülfarth, L. Görtz, Hubert reitz, Hubert Jäger und M.Lieven bloß bis drei Uhr.

  1. Am 20.9.45 morgens: Hubert Jäger, Edmund Keutmann, Josef Mülfarth, Hubert Reitz, Hermann Küppers, und Hermann Josef Küppers, Max und Peter Josef Krauthausen, Therese Mülfarth, Leni Görtz, Anni Breuer, Franziska Jäger, Maria Lieven, Katharina und Magdalena Küppers, Josefine Clahsen.
    Nachmittags: Edmund Keutmann, Hubert Jäger, Hermann Küppers, Willi Heidelberg, Karl Heinz Eickmanns, Fritz von Berg, Josef Mühlfarth, Hubert, Peter und Franz Spengler, Franz Josef Nöthlings, Hubert Reitz, Franziska Jäger, Hubertine Keutmann, Therese Mülfarth, Helene Brack, Helene Deuser, Agathe Deuser, Anni Breuer, Maria Lieven, Gertrud Lentzen.
  1. Am 21.9.45 morgens: Therese Mülfarth und Maria Lieven.
    Nachmittags: Therese Mülfarth und Martha Dolfen, Franz Rainer Nöthlings, Friedrich von Berg, Peter und Hubert Spengler, Gertrud Mütz.
  1. Am 22.9. morgens: Peter Mülfarth, Magdalene Küppers, Heinrich Krieger, Willi und Hubert Heidelberg.
  1. Am 24.9. nachmittags: Willi Lieven, Heinrich Krieger, und Hubert Nießen.
  1. Am 25.9. morgens:  Hubert Jäger, und Franziska, Maria Lieven und Mülfarth Therese, Peter und Hubert Spengler, Willi Heidelberg.
    Nachmittags: Hubert Jäger, Edmund Keutmann, Hubert und Peter Spengler, Franz Rainer Herbergs, Karl Heinz Eickmanns, Helene Deuser.
  1. Am 26.9. morgens Willi und Hubert Heidelberg, Hermann Küppers, Max und Peter Josef Krauthausen, Friedel Meyers.
    Nachmittags: Franz Rainer Herbergs, Franz Josef Nöthlings, Heinz Eickmanns, Hermann Küppers, Adolf Meyers, Willi und Hubert Heidelberg, Max und Peter Josef Krauthausen, Hubert, Peter und Franz Spengler, Edmund Keutmann, Therese Mülfarth, Hubertine Keutmann, die Kinder von…., Josef und Friedel Meyers.
  1. Am 27.9. morgens: Heinz Eickmanns, Friedel von Berg, Hubert Jäger, Hubert und Peter Spengler
    Nachmittags: Peter, Hubert und Franz Spengler, Friedel von Berg, Anni Breuer u.a.m.
  1. Am 28.9. morgens: Hermann Josef Küppers,
    nachmittags Hubert, Peter und Franz Spengler.

In dieser Form erfolgt die Dokumentation der Arbeiten in der Pfarrchronik über viele Monate hinweg.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Der Zustand der Gebäude Ende Oktober 1945: 

Den Soldatenfriedhof hat mittlerweile Friedrich Weitz schön einheitlich umgestaltet. Eine Kollekte dafür brachte über 100,- RM ein. Nun ist der Kirchhof in Ordnung, bis auf einige Granatlöcher u. 6 große Mauerlöcher u. die Torpfeiler zur Straße. Die Mauer an den Privatgräbern von Meer und Schreys sind weg. Die abgeklopften Steine sind an der Kirche vom halbschräg zerstörten Turm, dessen Helm ganz fehlt, und an einer Gartenmauer aufgeschichtet.

Auf dem Ehrenfriedhof liegen 8 SS-Männer begraben, zu ihnen kommen noch 3 Soldaten der Wehrmacht. die man mit Absicht nicht zu der SS legte, die wir aber vom Zivilfriedhof zu ihnen und den 7 Weltkriegsgefallenen (1914/18) umbetten, sobald die Erlaubnis des Gesundheitsamtes da ist.

In meinem Garten, der jetzt auch durch Lenzen und meine Schwester größtenteils in Ordnung ist, waren viele Granatlöcher. Gleichfalls auf der Bleichwiese. Dort und in der Wiese sind viele Bäume hin. Von meiner Waschküche stehen nur noch 3 Mauern fest. Das Dach fehlt. In meinem Haus, wo nun seit einem Jahr das Dach beschädigt ist, bzw. zu einem Drittel ohne Ziegel, waren drei größere Löcher, die unser Maurer Gerhard Schmitz zumauerte. Die Decken sind fast ganz herunter, so dass nur noch das Vereinszimmer bewohnbar ist. Alle meine Stallungen sind hin, da der Kohlenstall eingefallen ist und kein Ziegel mehr auf dem Dach ist.

Der Kirchturm wurde durch Granaten umgeschossen. Die Sakristei ist mit einem großen Loch auf der Südseite noch heil. In der Vikarie ist das Vereinszimmer und das darüberliegende Zimmer hin, dazu zwei Wände fehlen und ein Viertel vom Dach. Ansonsten hat sie große Löcher in den Mauern. Alle Paramente der Kirche hatte ich mit der Hilfsorganistin Maria Mülfarth  am Donnerstag und Freitag der Räumung geborgen, sodass wir daran keinen Mangel haben.

Notkirche in der Schule

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| Glocke im Baum begrüsst Pfarrer Reiners |

Der große Schulraum dient bis 1949 als Notkirche.

Pfarrer Reiners berichtet im Verkündigungsbuch:

Im Juli kehrte Pfr. Schmitt wieder u. ich, feierlich durch die Glocke bei Mühlfarts in der Wiese begrüßt durch halbstündiges Läuten am 2. Sept 1945.

Die ersten Wochen ließ ich Pfr. Schmitt die von ihm angenommenen Hl. Messen verkündigen u. halten.

Am 16.9., dem 17. Sonntag nach Pfingsten verkündigte ich zum ersten Mal….
(wieder die Hl. Messe)

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Die Einrichtung der Notkirche im Oktober 1945: 

Als Notkirche dient der Raum für die Oberklasse in der Schule. Ein Fronleichnamsaltar ist nun Schulaltar. Die Schule hat keinen größeren Schaden. Der Raum bekam nun allmählich wieder ein Fenster nach dem anderen, wurde ausgeflickt und verputzt und erhielt endlich eine Tür. Ein Harmonium, gespielt von Maria Mülfarth, ab und zu von Hubert Mülfarth, ersetzt die Orgel. Allmählich kommt ein gesangliches Stück der Messe nach dem anderen. Eine Witwe Kochs aus Mönchengladbach lieh uns für einige Jahre ein Harmonium, das dann in meinen Besitz übergehen soll. Hubert Völker holte es kostenlos mit seinem Wägelchen Anfang Dezember herüber. Wir stellten dann auf den Altar zur Ostseite der Schule aus mehr von praktischen, nicht ästhetischen Gründen. Das bewährte sich gut, Männer und Frauen  sind jetzt getrennt und verteilen sich besser, die Kinder stehen vor dem Altar. Die alten Leute sitzen mit dem Gesicht zum Altar seitlich. In einer Fensternische setzten wir das Krippchen, das Harmonium unten rechts auf Balken und einem Podium. Mein Dürerbild der Geburt Christi schmückte den Hintergrund des Altars.

4. März 1946: Da unser heiliger Josef kaputt ist, so steht in der Notkirche auf einem Rollschränkchen der Lehrerin eine ca. 25 cm große Statue von Mülfarth aus Hasselsweiler. Als Blumen haben wir bloß Schneeglöckchen. Kerzen müssen gestiftet werden.

15. April 1946 (vor Ostern)
Mittags war Keuter (sein Vater ist hier gebürtig) da (aus Eschweiler) mit seinem Gesellen, um die Notkirche zu tünchen und anzustreichen. Josef Blaesen und Viktor Vanderbiesen halfen ihnen und Hubert Mülfarth. Die Wände erhielten blaue Leisten in den Ecken, die Fenster Umrahmungen. Der Sockel ist hellblau gehalten, die Bodenleisten braunrot. Das Kamingesims ist dunkelrötlich gehalten mit einem Halbkreis an der Decke. Darin sind oben große goldene Sterne und das und daneben α und Ω in Rot. Schade nur, dass der Herbergs nicht das letzte Fenster machte und die Tür. Der Fußboden erhielt einen Ölanstrich, dito das Podium, worauf das Harmonium steht. Der Altar wurde ebenso gestrichen in blau (Podium) und weiß (Aufbau). Grete und Agnes Reitz, Christian Jäger, Katharina und Christian Lorenz und G. Nießen putzten die Kirche. Sibilla Roeben und Bärbchen Mülfarth putzen Kupfer, Messing und anderes mehr. Der Beichtstuhl wurde durch Ringe in eiserner Stange verbessert.  Das Harmonium wurde bezgl. der zwei Löcher in der Hinterwand geflickt.
Die Tür des Tabernakels wurde nochmals abgefeilt, es selbst angestrichen und je zwei Haken seitlich an den Wänden angebracht, zum Aufhängen von Fahnen.
Ein Arbeiter schlief im Pastorat, einer im Vorratsraum von Frau von Meer. In Kost waren sie bei Frau von Meer, bei Froitzheim, bei Peter Bergrath und bei Mülfarth. Nun ist die Notkirche sehr schön.

Die Überreste der Altäre und der Kommunionbank wurde zum ortsansässigen Schreiner Josef Herbergs gebracht und dort wieder aufgerichtet.

Die im Turm verbliebene kleine durch Granatbeschuss schwer beschädigte Glocke wird bei Familie Mühlfahrt an der höchsten Stelle im Ort in einem Birnbaum angebracht und versieht dort ihren Dienst.

Aufruf zur Evakuierung

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| Hottorf pickepacke voll mit Soldaten |

Immer mehr Einwohner fliehen aus Hottorf.
Nach dem ersten Granatbeschuss des Dorfes am 14. Oktober sind nun alle zum Verlassen der Dorfes aufgefordert. Während die ersten Familien sofort am 15. Oktober aufbrechen, treten die letzten Ende Ende November die Flucht an (siehe Beitrag: Messgewänder auf der Flucht) .  

Schon seit Sommer 1944  hatte das Militär das alleinige Sagen in Hottorf. Unter anderem wurden mehr als 10 Feldküchen für die Versorgung der Front im Dorf betrieben. 

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners: 

Eine Änderung kam am Samstag, den 14. Oktober, als Artilleriebeschuss die Straße Gevenich-Hottorf-Müntzerweg abtastete. Tags vorher waren fünf Salven auf die Bunkerlinie der Gevenicher Straße abgegeben worden. Von da an kamen viele Nächte Artillerieschüsse über Hottorf zum Teil bis Titz. Ängstliche, fast die Hälfte Hottorfs schlief von da ab im Keller. In dieser Zeit war fast andauernd Fliegeralarm, da fast immer feindliche Flieger kreisten. Manchmal wurde der Gottesdienst viel später begonnen oder nachmittags nachgehalten.

Ab 15. Oktober brauchte man sich wegen der Frontnähe nicht mehr um Alarm zu kümmern. Seit dieser Zeit war auch das Bürgermeisteramt Körrenzig nach Hottorf verlegt im Haus Schmitz Hausnr. 25 und die Amtskasse war bei Krauthausen Nr. 62

Von der Ortsgruppenleitung – die Zivilverwaltung hatte nichts mehr zu sagen; schon seit dem 20. Juli nicht mehr – wurde die Bevölkerung aufgefordert, freiwillig sich evakuieren zu lassen.

Mindestens 12-15 Küchen lagen in Hottorf, die die Front zum Teil bis Brachelen versorgten. Diese brachten auch die Toten mit, die sie nach Lövenich zum Ehrenfriedhof brachten, die Verwundeten kamen nach Müntz zum Hauptverbandsplatz im Kloster. Manchmal kamen auch gefangene Amerikaner die Heerbahn in Trupps zu 15-20, oft ohne Kopfbedeckung, gezogen, um nach Müntz zur Gendarmerie gebracht zu werden.

Allmählich war unser kleines Hottorf pickepacke voll mit Soldaten der Wehrmacht und der SS, von Schanzern, Ausländern, Flüchtlingen, Polizisten, politischen Leitern und Eingesessenen.

Erste Deutsche Einquartierung

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| Schanzer bestimmen das Ortsbild |

Ab dem September wurden in allen Häusern von Hottorf Soldaten einquartiert. Hinzu kamen dann etwa 500 Zivilisten zum „Schanzen“ also zum Graben von Panzergräben, Laufgräben und Deckungslöcher – mit Hand und Spaten. Flüchtlinge aus dem Bereich zwischen Aachen und Rur zogen durch den Ort und suchten nach Unterschlupf und Nahrung.

Ab Mitte September kamen Gerichtsbeamte aus Siegburg als die ersten Schanzer. Ihnen folgten Handwerker aus Köln. Mitte Oktober wurden Hitlerjungen aus Köln geschickt, die nach den Granateneinschlägen direkt wieder zurückgeholt wurden. Aus weiteren Gegenden kamen immer mehr Schanzer nach Hottorf, darunter NS-Liniengetreue oder auch Männer aus dem Elsass, russische Frauen und natürlich wurden auch die Hottorfer Männer zum Schanzen herangezogen.

Die Lehrin Garzweiler berichtet sehr ausführlich von den Schanzern, die in der Schule untergebracht waren (siehe Beitrag: Lehrerin Gatzweiler verlässt Hottorf nach Rückkehr aus Evakuierung). Weiter unten in diesem Beitrag beschreibt Pfarrer Reiner die Einquartierungen von Soldaten und  Schanzern  in seiner Chronik.

Die Amerikanische Armee erstellte detaillierte Karten über Minenfelder und Gräben (siehe unten). Um Hottorf herum werden im Herbst 1944 in Richtung Westen (Richtung Rur) allein drei Reihen von Panzergräben gezogen. Diese führten später zu Verlusten von amerikanischen Panzern, konnten den Vormarsch aber nicht ernsthaft aufhalten. 

Verteidigungsanlagen östlich der Rur. Die Bunker und Maschinengewehrstände gehörten zur sekundären Siegfriedlinie. Die meisten Gräben, Minenfelder und tausende Fuchslöcher (nicht im Skizzenplan dargestellt) wurden in den Wintermonaten angelegt und bildeten eine Verteidigung, die nur durch enge Artillerie-Infanterie-Koordination durchbrochen werden konnte.

Amerikanische Luftaufnahme von Hottorf am  18.11.1944 zeigt Panzergräben am unteren und rechten Bildrand.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners: 

Gegen Ende August brach die deutsche Front in Frankreich zusammen. Die Alliierten rückten zum Teil 70 Kilometer vor. Wir hier in Hottorf, die wir zum allergrößten Teil schon lange nicht mehr an einen deutschen Sieg glaubten, und aus religiösen Gründen die Nazis herzlich satt waren, erwarteten die Gegner als Befreier.

September 1944

  1. Anfang September verlas ich das Evangelium vom 14. Sonntag nach Pfingsten, worin es heißt: Sorget nicht ängstlich. Ich sprach dazu und dachte, am Dienstagabend haben wir es überstanden!
    Anfang September kam als erste deutsche Einquartierung eine Gruppe Sanitäter von Brüssel. 
  1. Am 4. September mussten als Deutschlands letztes Aufgebot schulentlassene Burschen nach Palenberg-Merkstein und in der Eifel (Reifferscheid) schanzen, um den Westwall noch mehr zu befestigen. Das Kommen der Feinde verzögerte sich.
    Ab 4. September mussten auch hier Panzergräben und Laufgräben und Deckungslöcher gegraben werden. Neue Einquartierung, und zwar in Wien aufgestellte Volksgrenadiere. Mittlerweile kam die Front näher. Bei Stolberg wurde hart gekämpft. Die Fenster in der Kirche zittern andauernd. Flakbatterien kamen. Leider hielt der Westwall stand. Wären die Gegner doch nur sofort durchgestoßen, uns wäre viel Leid erspart geblieben. Schon Ende August hatten alle Leute sich Sachen in der Erde vergraben.
    Am 4. September wurden plötzlich alle Ausländer weggeholt und Richtung Köln in Bewegung gesetzt. Am folgenden Tag kamen sie wieder. Auch aus den Grenzgebieten kamen sie in großen Zügen an, zogen über die Heerbahn zum Rhein hin. Am 4. September kam die Front zum Stehen und diese Ausländer zurück. Allmählich kamen dieselbe Straße mehr und mehr Flüchtlinge. Als auswärtige Schanzer waren Mitte September Siegburger und Troisdorfer hier, sehr anständige und meist gebildete Herren.

  1. Am 17. September war ein außerordentlicher Geburtstag unter Kanonendonner und Tieffliegerschießen. 
    Mitte September ging Pastor Schmidt nach Arensberg. Kein Mensch arbeitete noch auf dem Feld. Aber wie sich alles so hinzog, fing man doch allmählich wieder an, zuerst mit dem notwendigsten, dann mit der Saatbestellung. Viele Tiefflieger kreisten, aber einzelnen Personen taten sie nichts. Viele Bomben fielen tagtäglich auf Bahnstrecken und Landstraßen. Immer mehr füllte sich das Dorf mit Flüchtlingen aus den Grenzdörfern, so dass fast mehr Flüchtlinge als Hottorfer hier waren. Dazu kamen etwa 200 Soldaten.
    Die Messen wurden werktags immer mehr besucht, der Kommunionempfang stieg immer mehr.
    Um den 15. September erschien Rektor Schroeder von Palenberg, der bis zum 19. November hier blieb. Er hoffte von Tag zu Tag zurückkehren zu können. Am Anfang ist er noch zwei bis drei Mal dahin zurückgefahren. Einmal hat er mehrere Stunden dort wegen Beschuss in der Kirche gesessen. Ganz langsam kam die Front näher.
    Seit Anfang September hatten wir jeden Abend Andacht, manchmal mit Segen, manchmal bloß Rosenkranz. Mehrere Male hatten wir feierliche Hochämter.
    Ab 17. September hielt ich sonntags Abends 7 Uhr eine dritte heilige Messe, in der zuletzt nur Soldaten dienten. Es fiel direkt auf, wie andächtig die Soldaten zuhörten. Ein Soldat spielte anstatt des immer mehr erblindenden Anton Lieven die Orgel, ab und zu auch Rektor Schroeder. Sehr oft hat er Beichtgelegenheit gegeben. Im Oktober hatten wir jeden Abend Rosenkranzandacht.

  1. Ende September bekam ich von Prummern Familie Pelzer als Einquartierung. Sechs Mann, dazu tagsüber vier der Familie Helden. Sie schliefen, wie die meisten in Hottorf auf Betten auf der Erde. Als Fliegergeschädigte hatte ich die halbtaube Lina Langohr aus Aachen schon seit Mai bei mir. Im Oktober kam Frau Tillmanns von Lieck, die Schwiegermutter meiner Schwester, noch dazu. Endlich noch aus Eschweiler Tante und Onkel aus Übach, Wilhelm Cremer mit Frau. Einquartierung hatte ich dadurch keine mehr. Nur die Leiterin der Nähstube der Kölner Westwallarbeiter musste bei uns schlafen.

Oktober 1944

  • Ende September bis Mitte Oktober hatte sich das Leben in Hottorf stabilisiert. Militär und Zivil und Flüchtlinge hatten sich aneinander gewöhnt. Alle Feld- und Hausarbeiten wurden wieder verrichtet.
    Wenn nicht die Flüchtlinge täglich gekommen wären, bzw. vorbeigezogen wären, die Flieger nicht gewesen und das Grollen der Front, man hätte sich daran gewöhnen können. Alle männlichen Einwohner Hottorfs – nur nicht Melker – mussten im September und Oktober Schanzarbeiten verrichten. Einmal wurde je ein Spaten aus jeder Familie requiriert. Viele verstanden es aber, sich zu drücken. Die Bauern mussten viele Sonntage Kriegsmaterial mit ihrer Karre fahren. Von den Grenzdörfern wurde viel Vieh – 20.000 Stück Herdbuchvieh – hier durchgetrieben. – Frontbedarf.
    Maul- und Klauenseuche brach aus. Um diese Zeit musste an einem Sonntag jede vierte Kuh aus Hottorf nach Linnich getrieben werden. Auch einige Pferde mussten ans Militär abgeliefert werden. Im Übrigen hatten wir hier sehr fettige Monate, da viel geschlachtete wurde.
  1. Eine Änderung kam am Samstag, den 14. Oktober, als Artilleriebeschuss die Straße Gevenich-Hottorf-Müntzerweg abtastete. Drei Hitlerjungen wurden verletzt, zwei sollen davon gestorben sein und ein Soldat blieb tot. Dazu zwei Pferde von Vaehsen am Müntzerweg, eine Kuh von Frau Esser, ein Fohlen von Gerwin Schmitz, Deuser Nikolaus Scheune brannte, Josef Lievens Haus (Hausnr. 9 – direkt gegegenüber der Kirche) wurde getroffen, Esser Hausnr. 3 Hof, bei At. Mütz (Hausnr. 41) wurde ……..getroffen und bei Schmitz Wilhelm (Hausnr. 48) die Scheune. Ich kam gerade von Grefrath oder Kleinenbroich zurück, wohin ich persönlich Sachen gebracht hatte, daraufhin ließen sich evakuieren die Milchverkäuferin Frau Gertrud Schiffer (Hausnr. 23), Ana Schiffer (Hausnr. 26), Familie Wilhelm Schmitz (Hausnr. 98), Peter Schiffer, August Brack.
    Nachzutragen wäre, dass drei Tage vorher Hitlerjugend aus dem Siegkreis von Tetz nach hier verlegt wurde, die infolge des Beschusses querfeldein abrückte. Tags vorher waren fünf Salven auf die Bunkerlinie der Gevenicher Straße ab-gegeben worden. Von da an kamen viele Nächte Artillerieschüsse über Hottorf zum Teil bis Titz. Ängstliche, fast die Hälfte Hottorfs schlief von da ab im Keller. In dieser Zeit war fast andauernd Fliegeralarm, da fast immer feindliche Flieger kreisten. Manchmal wurde der Gottesdienst viel später begonnen oder nachmittags nachgehalten.

  1. Ab 15. Oktober brauchte man sich wegen der Frontnähe nicht mehr um Alarm zu kümmern. Seit dieser Zeit war auch das Bürgermeisteramt Körrenzig nach Hottorf verlegt im Haus Schmitz Hausnr. 25 und die Amtskasse war bei Krau-thausen Nr. 62. Als Ersatz für die Hitlerjugend kamen ca. 500 Kölner, die in Massenquartieren in der Schule, im Saal von Mütz und Scheunen lagen. Als Führung hatten sie politische Leiter. Ein Schanzer schrieb später nochmals, ein Oberzollinspektor Peter Mai.
    Der Brief aus Dezember 1945 befindet sich im Beitrag „Geflüchtete kehren zurück„.
    Diese politischen Leiter wurden später, Anfang November abgelöst, weil sie Unterschlagungen an Esswaren für die eigenen Leute begangen hatten. Damals begann man die Flüchtlinge langsam herauszudrücken. Nur vereinzelte gingen. Von der Ortsgruppenleitung – die Zivilverwaltung hatte nichts mehr zu sagen; schon seit dem 20. Juli nicht mehr – wurde die Bevölkerung aufgefordert, freiwillig sich evakuieren zu lassen. Seit Anfang Oktober waren alle männlichen Personen von 16 – 55 Jahren im Volkssturm zusammengefasst. Zum Schanzen wurden alle Männer bis 65 Jahre erfasst. Der Volkssturm baute am Sonntagmorgen Panzersperren.
    Das Christkönigsfest feierten wir noch in gewohnter Weise. Für alle Kinder begann der Erstbeichtunterricht in der Vikarie.

November 1944

  1. Allerheiligen störten Tiefflieger, die Bomben einen Kilometer entfernt bei den Bunkern zwischen Gevenich warfen, den meisten Leuten des Zuhörens bei der Predigt. Wir zogen kurz noch auf die Gräber.

  1. Am 7. November beerdigten wir Theodor Koch aus Ederen. Der Pastor Plum aus Ederen erschien persönlich aus Mersch. Die Front war damals bei Lindern-Gereonsweiler-Ederen-Bourheim

    Für die abgerückten Kölner Schanzern kamen Ausländer, Frauen und Männer mit Berliner politischen Leitern, um Ordnung zu schaffen, „extra von Dr. Goebbels geschickt!“ 

Als Beispiel, wie sich Partei und Wehrmacht oft gegeneinander stellten, diene folgendes: Ein SS-Feldwebel, der die Ortskommandatur vertrat, – Ortskommandant war ein Oberleutnant, der bei von Meer in Quartier, seit dem die Artillerie Anfang September nach hier kam, ging die Häuser nach, um Massenquartiere zu schaffen. Er geriet im Haus des P. Bergrath, wo der Führer Pelzer der Fünfhundertschaft Schanzarbeiter in Quartier war, mit diesem Pelzer aneinander. Pelzer lag im Bett, es war halb zwölf nachts. Da wollte dieser SS-Wachtmeister die Räume des ganzen Hauses beschlagnahmen. Der Hauseigentümer machte darauf aufmerksam, dass alle Räume von der Fünfhundertschaft in Beschlag genommen seien. Der SS-Kerl wollte ins Zimmer des Pelzer, das abgeschlossen war. Nach wiederholter Aufforderung, das Zimmer zu öffnen, bekam er von Pelzer die Antwort, die Zimmer seien von ihm belegt. Der SS-Kerl trat darauf mit dem Stiefel die Tür ein. Pelzer sprang aus dem Bett und griff zu seinem Dienstrevolver. Ebenso zückte der SS-Feldwebel den Revolver. So standen sie gegeneinander. Bergrath trat vermittelnd dazwischen und bat, nicht zu schießen. Sie ließen die Waffen sinken und Pelzer fragte den SS-Kerl nach seinem Namen und Truppenteil. Erst nach zweimaligem  Fragen und nachdem Pelzer gesagt hatte: Er kenne doch die Bestimmungen, wer die Oberhand habe, gab der Feldwebel Namen und Truppenteil an. Da verzog er sich und keine Einquartierung kam.

Daraus ist klar zu ersehen, „dass die Partei den Krieg führte“. So hatte das  ja schon am 4. September der Amtsbürgermeister PG Reiner Pickartz  auf der Körrenziger Rurbrücke gesagt. Und „es wird nicht mehr gesäet. Schanzen geht vor. Wir haben zu bestimmen.“

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