Pfarrchronik Reiners

Ein- und Ausgaben zum Wiederaubau der Kirche

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| überschrift |

offen: Formatierung überarbeiten

Am Kirchweihsonntag gab ich eine Übersicht über die Leistungen zum Kirchbau. (vom 1.7.48 – 1.11.50).

Beihilfen:

1945 Der Bischof Wilhelm Berning von Osnabrück 8.000,- RM (5.000,-  behielt er für sich 13.000,- RM betrugen die Kollekten meiner Tätigkeit in dem Kreis Grafschaft Hoya https://www.grafschaft-hoya.de/ vom Dezember 44 bis Ende August 1945).
Am 18.3. 1948 vom Bistum Aachen 8.000,-.
Aus dem Wohnungsnotprogramm

1947: 1297,97 RM und am 11.5.1948: 8.184,40 RM.

Darlehen: 2000,- RM vom Bistum Aachen und 2.400,- RM vom Kreis Jülich.
1800,- RM brachten die in der Flurgasse verkauften Parzellen an Kremer und Gertrud Schmitz ein.
 An Hauskollekten kamen ein:

1945: 3.130,-,
1946: 6.591,-
1947: 5.562,-
1948: 5.949,20 RM,,
1948: 1.140,65 DM,
1949: 2.355,75 DM,
1950: 1.153,45 DM.

Eine Verlosung erbrachte

750,- DM. Kraut:
548,60 DM, Rüben: 
420,- Holz:
1214,30, Kartoffel:
340,-, Pappe:
391,-DM  , Stroh
175,-DM, Blei
176,75 DM,
Kamillen 96,70 DM, 
Verschiedenes 385,25,

  1. Messen 731,-,

Zinsen und Abwertung 1.520,48;

Geldspenden 4.217,64; darunter 1.903,04 DM für die Kirchenfenster bestimmt,

Kollekten 554,73 DM.

 

Ausgegeben wurden für den

Dachstuhl 934,96 DM.
Schiefer und Transport 2523,10,
Auflagen des Schiefers 1075,10,
Dachrinnen 1067,35,
Putzerarbeiten 3785,22,
Lichtanlage 1033,25,
Orgelbühne 803,85,
Portal 600,-,
Mitteltür 305,89,
Beichtstuhl 339,95,
Kirchenbänke 1044,10,
Sakristei 691,45.
Turm, zweiter Bauabschnitt 1395,83,
dritter Abschnitt 2736,51.,
Friedhof 297,51,
Glocken 311,50,
Kreuzwegstationen 100,-,
Fenster 1931,84 (von 10 Leuten geleistet)
Dazu kämen 7700,-DM Auslagen für Pastorat und Vikarie.

Erste Hl. Messe im wiederhergestellten Gotteshaus

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| Kirchendach nun fertig gedeckt |

Das zunächst mit Dachpappe provisorisch gedeckte Kirchendach wird nun in blauem Schiefer fertig gedeckt. 

Durch die Bemühungen von Pfarrer Reiners konnten zwei Autoladungen aus Westfalen herangebracht werden.

Das Photoalbum zum Wiederaufbau der Kirche zeigt die Arbeiten am Aufbau des Kirchtenturm und das geschmückte Innere der Kirche zur Erstkommunion am 26. Mai 1949.
(Quelle: Pfarrarchiv)

| Erstkommunion 1949 |

Am 26. Mai 1949 kann die erste heilige Messe in dem wiederhergestellten Gotteshaus gefeiert werden. Dabei wird 10 Jungen und 5 Mädchen die erste Hl. Kommunion ge­spen­det.

1949-05-26 Erstommunion
Mai 1949 auf dem Innenhof Gut von Meer

Abgebildet sind:
9: Pfarrer Hubert Reiners

Siehe auch:

Kirchendach provisorisch gedeckt

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| Warten aaf Schiefer |

 

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners: 

Mai 1948
  1. Ich bat um freiwillige Helfer zum Aufnageln der Bretter auf das Dach. Die Bretter schnitt uns mein Kommunionpaar Franz Hilgers aus Lindern. Nicht eben besonders gut auf seinem neuen Gattex (vermutlich Bezeichnung für eine Gattersäge).
    Ein Schreiner aus Ratingen, den uns Herr von Angern, der Bruder der jungen Frau von Meer, schickte, nagelte sie uns drauf und belegte sie mit Pappe, die ich nicht teeren ließ, weil ich auf Schiefer aus Nordenau wartete.

    Nun ist es wohl entscheiden, dass keine Dachziegel gegen den Willen des Kirchenvorstandes und vieler im Dorf draufkommen, trotzdem einer ein Schwein für Dachziegel schenken wollte.

Wiederaufbau des Kirchturms beginnt

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Der Turm wird in insgesamt drei Bauabschnitten wiederhergesellt.
Das erste Drittel erfolgt durch die Rheydter Firma Arnold Jansen bereits im Herbst 1947.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners: 

 Juli 1947
  1. Seit dem 23.7. beginnt der Aufbau, und zwar durch die Firma Arnold Jansen aus Mülforth, er selbst ist Maurer und Zimmermann.
    Beginn des Aufbaus der Kirche durch die Firma Arnold Jansen aus Rheydt-Mülforth.
September 1947
  1. Ich rief wieder allwöchentlich zu Hilfsarbeiten  an der Kirche auf: Mo 1-20 (Hausnummern) , Di 20-40, Mi 40-60, Do 60-80, Fr 80-100.
November 1947
  1. Am Kirchweihfest konnte eine Dankandacht gehalten werden, weil der erste Bauabschnitt des Kirchenaufbaus abgeschlossen wurde: Mauerwerk im Schiff und an der Sakristei und ca. 10 Meter vom Turm und Dachgebälk auf dem Schiff. Eine Stunde wurde die Kirche zur Besichtigung geöffnet.
    Darin lagert noch viel Holz.
Dezemebr 1947
  1. Den Kirchenaufbau am Turm stellten wir ein, weil man mit der Firma unzufrieden wurde.
Mai 1949
Siehe:

Aachener Friedenskreuz getragen

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| 150 kg schwere Kreuz |

Quelle: Kirchenzeitung Aachen

„1947 wollten Krefelder Kriegsheimkehrer ein Zeichen der Buße und des Willens zur Versöhnung setzen. Aus dieser Initiative entstand ein 150 kg schweres Kreuz, mit dem Gesicht des leidenden Christus, geschaffen von Anton Wendling. Mit dem Aachener Friedenskreuz zogen katholische Männer, Gruppen, Verbände durch die Diözese. Bis in die 1960er Jahre hinein überbrachten Dutzende Wallfahrten im In- und Ausland eine kraftvolle Botschaft für Frieden und Verständigung. Das Kreuz war Ausgangs- und Mittelpunkt für zahllose Gebete, Gottesdienste, Versammlungen.“

aus: Bistum Aachen

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Friedenskreuz

Juni 1947
  1. Am Herz-Jesu-Fest, dem 13. Juni, holten wir das schwere Kreuz, dass vier Männer tragen mussten, um halb acht an der Lövenicher Pfarrgrenze ab. Eine Minute Schweigen und Vater unser für Deutschland. Die jungen Männer – Frauen waren bei der Prozession ausgeschlossen und Kinder bis zu 17 Jahren- trugen es: Zuerst Schmitz Johann, Schürkens Jakob, Krieger Hubert und Willi. Dann Josef Schiffer-Schulte, Lorenz August, Krafft Christian, und Lieven Friedrich. Endlich Bauch Julius und Mülfarth Hubert, und noch zwei andere. So groß war das Kreuz, dass wir es nur umgekehrt in die Kirche bekamen. Ich war froh, dass es uns in der Größe und Schwere gezeigt wurde. Die Kreuzpredigt hielt Herr P. Hülsbusch.
  1. Am 14.6. kam Ralshoven bis hier und wir brachten es gemeinsam über Ralshoven Gevelsdorf entgegen, das es am Kirmeszelt vorbei nach Hasselsweiler trug. Von uns trugen es Anton und Josef Schiffer, Krafft Christian, und Honold Wilhelm. Sodann Krieger und Dahmen Hubert, Franz Mütz und Lieven.
August 1947
  1. Am 29. Sept. in Aachen Männerschlusskundgebung nach dem Kreuzrundtragen. Wenige von hier fuhren hin.

Erstkommunion 1947

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| 8 Kinder in Hottorf |

Die zweite Kinderkommion nach dem  2. Weltkrieg in Hottorf in der Notkirche,

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Erstkommunion 1947

Mai 1947
  1. Erstes Proben mit den Kommunionkindern durch Getrud Honold
  1. Pfingsten
    Erste heilige Kommunion von Hubert Pickartz, Willi Krieger, Maria Mütz, Gr. Mütz, Gerhard Bauch, M. Honold, Franz Spengler und Käthe Küppers
    und in Weiden bei Köln von Maria Schmitz-Terwege.

    Bei von Meer wurden die Kinder abgeholt. Der Kirchenchor Damen und Herren sangen Psalmen und das Magnifikat und einen vierstimmigen Segen.
    Schön war geschmückt und schönes Wetter und viel war gebacken, wie ich auf meinem Rundbesuch feststellte.
    Für die Danksagungsandacht hatte ich kindertümliche Gebete zusammengestellt, die diese acht ein auf die Kommunionandacht allein beteten. 

Starker Frost verzögert Arbeiten an der Kirche

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| Keller unter Wasser |

Schon der ganze Januar 1947 war sehr winterlich und teilweise bis zu -20 Grad Celsius kalt. Die Hottorfer fuhren dennoch fast täglich mit Pferd und Wagen und teilweise mit Traktoren zum Hambacher Wald und holten Holzstämme für die Bauarbeiten an der Kirche und Holz zum Heizen für zu Hause.

Anfang Februar setzt nochmal starker Frost und Schneesturm ein. Einsetzendes Tauwetter und Regen führen dann im März 1947 zu starkem Hochwasser.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Wetter im Frühjahr 1947

Februar 1947
  1. Sehr starker Frost, gar Schneesturm.
    Hubert M. brachte die Hälfte der Brotkarten und einige Gaben zu Pater Hülsbusch.
    Paul Seyfried, Knecht von Meyers, verlief sich im Schnee nach Hoogen, anstatt Lövenich.

  1. Die Bonner Theologen bekommen jetzt wegen der Beihilfe Hottorfs nachmittags Kaffee.
    Ich sprach über das Tanzen als Seelsorger. Ob es Erfolg hat?
    Tauwetter anstatt 30 Grad Kälte, wie angesagt.
März 1947
  1. Der außergewöhnliche Frost behinderte alle Arbeiten an der Kirche bis heute. Als es dieser Tage regnete und taute, entstand bei Heidelberg und Dederichs Hochwasser. Die Männer des Ortes wurden nachts alarmiert, um die Wassergefahr zu bannen. Dederichs verdarb in der Sch…… ein Meter hoch die Frucht. Einige Keller liefen voll Wasser. Das Maar war ganz voll. Die Wege, besonders der Weg nach Lövenich, waren infolge vielen Windes direkt verweht, besonders in den Schluchten.

Neujahrsfeier mit Schnaps, Geläut und Schüssen

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| Prost Neujahr |

Privates Schnapsbrennen war gebräuchlich und gefährlich. Die Englische Militärregierung hatten im Oktober 1947 schon Hottorfer wegen illegalem Schnapsbrennens festgenommen. Die Glocke zu Silverster wurde noch im Baum bei Mülfahrt von Hand geläutet. Das Schiessen (vermutlich mit „Katzeköpp“) wurde später von der Feuerwehr übernommen und fand auch bei Polterabenden und Goldenen Hochzeiten statt.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Selbstgebranntes

Januar 1947

Mit Schnaps wurde manche Neujahrsfeier veranstaltet. Um 12 wurde geläutet. Auch geschossen (mit Katzeköpp heute noch bei der Feuerwehr).

Tags vorher war um 3 Uhr Generalprobe gewesen, heute um halb vier wurde das Weihnachtsstück, das Gretchen Honold zusammenstellte und mit M. Mülfarth einprobte, im Saale Mütz aufgeführt.
Mit Strohballen Brettern hatten sie eine Bühne geschaffen. Brack brachte die alte Theaterbeleuchtung an mit verschiedenen Lichten. Mit Decken waren die offenen Fenster verhängt. Ein Glück, dass es milde war und nicht zu kalt. Der Saal war sehr besetzt. 423,- RM haben die Mädchen vereinnahmt.
Sehr schwierig zum Einproben war der Engelreigen.
Jakob spielte Geige und Maria Mühlfahrt Harmonium.
Programm:  
1) Huldigung der Engel,
2) der Tiere,
3) der leblosen Kreatur,
4) des Menschen.
Dabei traten kleine und kleinste Kinder in Tätigkeit.
Karl Ludwig Ganser sang sehr schön zwei Solis, die sogar beklatscht wurden. Manche Mädchen haben Geschick zum Spielen. Es war sehr schön.

Engländer genehmigen Holzeinschlag

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| Mit Mannschaftswagen in den Wald |

Weitere Finanzierungsquellen für den Wiederaufbau von Kirche, Pfarrhaus und Vikarie wie Kriesgschädeamt und Programm für Kunstdenkmäler wurden angefragt.

Am 2. Dezember 1946 wurden alle Planungsunterlagen beim Bauamt in Jülich abegegeben. Die Genehmigungen und Freigaben durch die britische Militärregierung wurden erwartet, so dass nun das Holz im Pfarrwald im großen Still geschlagen und genutzt werden konnte.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Wege der Holzbeschaffung

Juni 1946
  1. Das Kriegsschädenamt will mit noch vorhandenen öffentlichen Geldern öffentliche Gebäude, als auch Kirchen und kirchliche Verwaltungsgebäude finanziell bezahlen, wenn Material da ist und die Arbeiten bis zum 31.3.1947 erledigt sind. Sekretär Breuer von Titz sprach darüber. Für uns käme Vikarie und Pfarrhaus in Frage und eventuell die Kirche unter Dach. Ein Kostenüberschlag sei einzureichen.
  1. Auf der K.-Notstandssitzung, der der Ortsbürgermeister und Herbergs noch beiwohnten, besprachen wir das Angebot des Kriegsschädenamtes. Wir versuchen es. Im Übrigen erkannte ich: „Sehe jeder zu, wie er es weiter bringt“: Kräftige Unterstützung findet sich selten.
  1. Josef Herbergs stellte Kostenanschlag für das Vikariatsgebäude in Höhe von 5078,95,-  RM und für das Pastorat für 4563,10 RM fertig. Ich reichte ihn zweifach durch das Bürgermeisteramt Linnich beim Kriegsschädenamt ein.
  1. Den Kirchenvorstand ließ ich die Übertragung der Aufbauarbeiten an den Architekten Hans Laxner in Krefeld beschließen. Ein entsprechender Antrag wurde dem Bischof dafür und für die Reparatur der Vikarie und des Pastorats eingereicht.
  1. Architekt Laxner brachte die genaue statische Berechnung der Kirche.
Juli 1946
  1. Msgr. Schümmer vom Generalvikariat besichtigte Kirche, Pastorat und Vikarie. Ohne Genehmigung sei doch nicht zu bauen. Wahrscheinlich würde das General-Vikariat Baumaterialien verteilen können, aber alles sei noch ungeregelt.
November 1946
  1. Franz Hilgers kam von Lindern und sortierte mit Bergrath und Küppers und dem Knecht von Meyers das Holz der Kirche auf Verwendbarkeit zum Neubau oder nicht.
  1. Mit Zimmermann Jansen von Ralshoven und Franz Hilgers fuhr ich zur Besichtigung unseres Waldes, ob darin wohl vier Eichen à 10,40 Meter wären. Knapp sind sie unter den 50 Eichen drin. Der Haumeister Hamacher riet uns Tausch durch den Forstmeister (aus Westfalen, doch von Ostpreußen kommend) an. Doch der war nicht in der Försterei. Herr Laufs (mit Schrey verwandt) riet uns, Dienstag wieder zu kommen. Oberförster ist ein Schiele, Revierförster ein Groß aus Höfen, alles neue Kräfte.
    Die Akten über unseren Kirchenwald sind dem Forstamt in Meschede verbrannt. Jansen soll mir eine Holzkiste machen.
  1. Der Zimmermann Jansen aus Ralshoven soll das Dach der Kirche machen. Es soll versucht werden, aus unserem Pfarrwald das nötige Holz zu bekommen.
  1. Ich fuhr zum Forstmeister nach Hambach. Für den Turm will er kein Holz freigeben und bloß die Hälfte abholzen lassen. Der Engländer muss alles genehmigen und könnte eventuell das Holz noch beschlagnahmen. Ebenso muss die Abteilung Landwirtschaft des Landratsamtes und das Landesforstamt in Bonn uns den Lohnschnitt genehmigen. Das Kopfholz können wir mit nach Haus holen und auch die Hottorf zustehenden Nummern Brennholz. Wir selbst müssten das Holz fällen.
  1. Ich fuhr zum Kreisbauamt. Ein Herr Graf sagte mir, der Kommandant müsse für Kirchenreparaturen seine Zustimmung geben. Ich hin. Der Dolmetscher Hermanns meinte, es sei wenig Aussicht vorhanden, diese zu erlangen. Der Kommandant Richardson telefonierte nach Aachen, ob einschränkende Bestimmungen da seien. „Nein“ hieß es. Kreisbaumeister Brisse wollte da noch nicht richtig ran. Doch Hermanns sagte ihm, er könne es ruhig wagen. Ich nun zu Herrn Brisse hinein. Er bezeichnete es als seltsam, dass der Kommandant einen guten Tag hatte und ich an Holz komme, wo Jülich nicht mal Brandholz genug geschlagen bekommt. Ich solle durch Stegemann-Förster eine Materialaufstellung hereinreichen, er solle als Bauunternehmer fungieren. 10 – 12.000,- RM solle die hoch sein. Er würde mir dann eine vorläufige Genehmigung für den Holzschnitt geben. Bis 10.000 ,- RM könne der Kreis geben, aber damit wir Material bekämen, solle ich höher gehen, vor allem Dachziegel, Ziegelsteine  und Zement. Gerhard Schmitz fuhr nach Körrenzig zu Förster hin. Er kommt am 24.11.
  1. Herbergs soll ausrechnen, was wir an Holz für Bänke, Empore und Turm ( Treppen und Glockenstuhl) nötig haben.
    Hinter Zement und Gips war ich her. 50 Pfund kamen von Baur & Cie. Alle gesammelten Gelder tun wir auf die Spar – und Darlehenskasse.
    Bärbchen Mülfarth muss mir viel abschreiben, weil die Schreibmaschine noch immer in Linnich ist. Käthe Schulte schreibt die statistischen Berechnungen ab.
  1. Nach dem Hochamt kam Maurermeister Förster von Körrenzig und gab seine Unterschrift – vier Mal als Baumeister des Kirchenaufbaus. Wir sollten die Pläne des Architekten nur einreichen. Die Baubeschreibung über setzt Tonger ins Englische. Bergrath sorgte für ein Auto, dass Samstag die Pannen holt.
  1. Nachdem ich die Unterlagen gut ausgefüllt hatte, fuhr ich zu Förster Körrenzig, der aber in Jülich im Entnazifizierungsausschuss schon war. Auf dem Baubüro beriet mich ein Lutz anderthalb Stunden lang.
    Bonn soll die Kirche in das Programm für die Kunstdenkmäler aufnehmen. Er telefonierte dahin. Aber der Architekt müsse alles einreichen u.u.a. sechsmal die statische Berechnung, dreimal je zwei Pläne, zweimal die Zeichnung zur statischen Berechnung und unter 10.000,- RM bleiben.
    Besonders genau prüfe der Engländer das Holz, der Förster müsse genau dasselbe Quantum genehmigen. In drei Wochen könne die Genehmigung des Engländers da sein. Lutz gab noch eine Liste der Gegenstände mit, für die kein Holz genehmigt wurde. U.a. nicht für Treppen und Fußböden. Ich schickte Hubert Müller zu Architekt Laxner. Der nahm die Sache sehr leicht und liefert alles bis Montag.
Dezember 1946
  1. In Jülich mit Architekt Laxner zum Kreisbauamt. Nun schienen alle Unterlagen da zu sein. Zeichnungen, statistische Berechnungen, Holzleisten usw..
    In vier Wochen soll es nach Prüfung durch das Bauamt und nach Genehmigung durch die Engländer so weit sein, dass wir für den Holzschnitt einkommen können.
  1. Von Ameln kommt ein Fragebogen wegen Material für den Kirchenbau für nächstes Jahr.
  1. Wegen der Kälte nur die Soldatenmesse schlechter besucht.
    Holz können sich die Hottorfer auf Kohlenkarte im Hambacher Wald holen. Edliner, Stamm-Schunck und Müllers holten etwas.
Januar 1947
  1. Ich fuhr mit dem Rad nach und fuhr zum Revierförster Gros, der mich zum Mittagessen einlud. Als ich wiederkam, waren die Hottorfer gerade abgefahren und lagen an der Chaussee fest.
    Bei regnerischem Wetter war ich um 16 Uhr zu Hause, hörte die Krankenbeichte und erfuhr, dass mittlerweile 2.700 Dachziegel angekommen waren. Meine Schwester war rundgelaufen, um das Geld dafür zusammen zu holen. Sie sind sehr sauer, aber wir sind sehr froh, dass wir sie haben. Plötzlich kommen jetzt ganze Lastzüge voll gegen Geld und Naturalien. Man rät uns, so auch die Ziegel für das Kirchendach zu kaufen.
  1. Zum Wald fuhren: Hubert Dohmen, Peter Bergrath, Franz Mütz, Max und Josef Meyers, Paul Seyfried, J. Spengler, M. Küppers, Johann Emmerich, Anton Hochstein, Wilhelm Honold, P. Deuser und Martin Lemm. Heinrich Reitz für Peter Schmitz. F. Schulte-Meyers stellte wieder die Wagen und die Pferde mit P. Schmitz.
    Gestern brachten sie 36 dicke Fichtenstämme mit, heute 30 und 2 Eichenstämme. Vielleicht ist das ein Fünftel.
    Einiges Holz bringen sich die Leute für sich mit. Sonntag unter anderem Küppers, Meiers, Emmerich.
  1. Die erste hl. Messe hielt ich um halb sieben,
    Um 7 Uhr fuhr der Traktor mit zwei Anhängern und einem „Mannschaftswagen“ von der Mühle und folgenden Leuten los: G. Völker, Knecht von Gerwin Schmitz und Krauthausen und zwei von Schiffer, M; Josef Meyers, Hubert Mülfarth, Wilhelm Küppers, Anton Schiffer, Friedrich Lieven, Havlena, Emil, Matthias Mütz, Keutmann, Nikola Deuser, Hubert Heister, Engelbert Krichel, Peter Jäger, Josef Spengler, und Jansen von Ralshoven.
    Der Revierförster erschien und sagte, dass Holz müsse abgemessen werden, auch das in Hottorf. Sein Gehilfe Fischer solle hin. Komisch, diese Stimmungsänderung: vorige Woche noch hieß es von ihm: „Fahren Sie es nach Hause!“
    Doch der Forstmeister von Twickel aus Ostpreußen (in der Partei) beheimatet in Westfalen, ist wieder eingesetzt, er war suspendiert, wohl weil er zu wenig Brandholz lieferte. Dumm war, dass wir kein Fuhrwerk bei uns hatten. Aber wegen des eisigen Windes war kein Pferd zu haben.
  1. Heute fuhr Johann Krauthausen mit seinen zwei Pferden und Wagen. Gestern waren die Pferde von Matthias Mütz und Heinrich Deuser da. Heute ritt M. Schmitz mit zwei Pferden Erichs um 6 Uhr vor.
    Der Traktor beförderte: Anton Schiffer, Peter Jäger, Josef Berden, Christian Kraft, Heinz Krauthausen, Josef Mülfarth, Wilhelm Küppers, Johann Emmerich, Erich von Meer mit Karl Heister. Bloß einmal kam der Traktor zurück.
    Auf dem „Karusseleplei“ (Kirmesplatz an der Maar) wurde kurz geschnittenes und langes gelagert – auch am Pastorat.
    Ich war in Ralshoven beim Schneidewerk Spenrath, der nicht schlecht schimpfte, weil er unseretwegen sieben Mal die Säge hatte schleifen müssen, da in dem Holz (aus den Bunkern) Eisen war. Den ganzen Tag hatte er für den…. Holz gebraucht.
    Er sagte, der Forstmeister wäre gar nicht berechtigt, uns das Holz so zu bewirtschaften.
    Er riet zu Holzkäufen im Sauerland. Andreas Jansen holte ich, der uns ein Großteil Holz sofort vermaß.
    Kaspar Mütz hatte uns das von Spenrath zu Balken verschnittene Holz nach Ralshoven hingefahren und es heute mit August Lorenz in die Küche des Pastorats gebracht. So kamen wir also in dieser Woche ein sehr großes Stück weiter; „Sie können wegen des Holzes eine Dankandacht halten!“ sagte Andreas Jansen.
  1. Ich fuhr zum Forstmeister von Twickel nach Hambach und erreichte von ihm die Freigabe der restlichen Fichten, den Austausch von sechs Eichen und besprach mit ihm die zukünftige Aufforstung. Vielleicht mit unseren Leuten im Mai. Fichten, wo jetzt Eichenkahlschlag ist. Forstanwärter Fischer bezeichnete uns die zu schlagenden Fichten und gestattet mit dem Revierförster, dass wir die acht abgeschlagenen Eichen für die Inneneinrichtung nach Hause holen. Ob wir so an da nötige Holz aus eigenen Beständen kommen und im Wege des Umtausches zu Fichten für 400 qm Dachbretter?
März 1947
  1. Heute fuhren fünf Wagen mit zehn Pferden ca. 65 Stämme in Hambach holen. Froitzheims Wagen mit Dederichs Paul und Engelbert Steffens Pferden. Peter Bergrath, August Lorenz, Matthias Mütz mit Pferd und Wagen. Erichs Pferde und Wagen mit Ton Küppers. Josef Schiffer, Heinrich Deuser, Heinrich Krichel, Krauthausen mit Wagen und einem Pferd, das zweite von Spengler. Meyers Johann mit einem Pferd und Wagen, das zweite Pferd mit Martin Lemm.
April 1947
  1. Weißer Sonntag. Unsere Kinder gehen vielleicht Pfingsten.
    Freitag war ich beim Forstmeister von Twickel und Revierförster Groß und Hausmeister Hamacher und ließ fünf Eichen à 11 Meter von 16 x 18 cm fällen.
Mai 1947
  1. Auf der Ortsversammlung für den Kirchenbau bei Althoff war sozusagen nichts da. Trotzdem wird gebaut. Diese Woche Freitag soll das restliche Holz aus dem Wald nach hier.
Juni 1947
  1. Vom 16. An begannen meine Fahrten, öfters nach Neuwerk und nach Wuppertal-Cronenberg, Dahlerau, Iserlohn-Hemer, Einsal, Nordenau.
    Zuerst bemühte ich mich um eine Kreissäge …… Von Franz Hilger, der uns einen fahrbaren Schlitten für eine fest montierte Kreissäge feststellte. Herr Arnold Janse, P. Bergrath, und ich morgen eigens dorthin gefahren (auf dem Rückweg hatten wir Oidtmann besichtigt – musste ich drei Adressen : ein Felder in Dahlerau hinter Wuppertal, eine in Cronenberg – einige Nägel brachte ich wenigstens von der Firma Putsch mit – und eine dritte. Leider war alles Fahren vergeblich.
    Die Kreissäge ….. hätte uns August Brack liefern können, aber sie erstand sich Arnold Jansen selbst bei einem Bekannten in Mülforth. Nun fehlen uns noch die Blätter von 80cm Durchmesser und einige Feilen. Einen Schmirgelstein hat August Brack.
    In Neuwerk bemühte ich mich um Ziegelsteine. Mit 50 Pfund fiel ich herein. Die Schwindler kamen gar zweimal bis hier, um „die Kirche zu besichtigen“, sie wollten sie auch aufmauern. Durch einen anderen Mittelsmann aus Hermges kam ich dann endlich zu der Firma Bausen, die bis jetzt ca. 4000 Steine lieferte. Natürlich muss „kompensiert“  werden. Heute ist das ja halbwegs gestattet.
    Öfter fuhr ich mit dem Fahrrad nach und  von Mönchengladbach.
    Um Nägel bemühte ich mich sodann in Iserlohn. Dort stieg ich bei Fr. J. Weil ab, der eine Christopherin geheiratet hat, die selbst eine große Fabrik besitzen. Im katholischen Waisenhaus der Aloysius… logierte ich tags vor dem Aloysiusfeste. Männig-Baute versprach zu helfen und lieferte ein Paket.
    In Hemer bekam ich gegen Kompensation 15 kg, nachdem ich bei einer Firma vergeblich vorsprach.
    Auf dem Rückweg traf ich bei Zugkontrolle in Schwerte Bekannte aus Örath-Ütterath: v.d. Lohe,.
    Von August Brack erhielt ich die Adresse seines Schwagers Böger in Einsal bei Altena, der mir mit Eisenschienen helfen würde. Sehr freundliche Aufnahme und das Versprechen eines Scheines von 3-5 Z, den der Chef selber geben würde. Doch der war….So musste ich dann am selben Tag das Lennetal  hinauf über Altenhunden-Gleichdorf nach dem Luftkurort Nordenau, wo ich beim Pfarrer sehr gut aufgehoben war. Ein Besuch bei den Gebrüdern Tommes war vergeblich. Ich muste zu Minister Nölting um einen Freigabeschein.  

Firmung von 40 Firmlingen unmittelbar nach dem Krieg

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Firmung von 40 Firmlingen (im Schulgebäude) und Visitation durch H. H. Weihbischof Friedrich Hünermann.

Pfarrer Reiners berichtet den Ablauf der Firmung und und Visitation sehr ausführlich in seiner Pfarrchronik, unter anderem von:

  • Binden von Kränzen in der Vorwoche
  • vierteiliger Empfangstriumphbogen bei von Meer
  • Fähnchen und Wimpel waren in Gevenich geliehen
  • Abholung des Bischofs von Männern in Frack und  Zylindern und Kindern mit geschmückten Fahrrädern
  • vorgetragene Gedichte von Marie Honold und Konrad Philippen und vier Mädchen aus der Oberklasse
  • Firmung in der Notkirche
  • Empfang des Kirchenvorstands und Prüfung von Finanzangelegenheiten
  • Kindersegnung

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Firmung und Visitation 1946

September 1946
  1. Gestern und heute ließ ich die Schulkinder arbeiten. Wir reinigten die Wiese am Pastorat, Hof und Straße, die Gasse an der Vikarie, die Kirche und die Straße vor dem Friedhof.
  1. Herz-Jesu-Fr.
    Mittwoch holte der Sportverein (meist die Alten) Tannengrün im Pfarrwald. Auch einige Bäume für Torlatten brachten sie sich mit, und Pickart Bunkerholz. Noch am selben Abend drehten 10 Mädchen ca. 50 Meter Kranz für die Kirche. Buchsbaum lieferte von Meer und Deuser Peter. Ich stiftete ihnen etwas Bier.
    Auch am gestrigen Tag viele Mädchen zum Kränzen da. Mühlfarth haben in Ralshoven eine Karre Sägemehl geholt, um eine Figur durch Hubert vor der Kirchentür machen zu können. Weder durch Schmieren noch durch das Amt auf Dringlichkeitsbescheinigung ist an Glas für das eine Fenster der Vikarie zu kommen.

    So musste ich wieder von meinem Glas von Grefrath hinein. Jussen hat nun doch auf dem Friedhof einige Tage gearbeitet. Franz Mütz hat Jakob Pickartz auch dort arbeiten lassen. So ist der Friedhof sehr schön in Ordnung. Am Maar hat Jussen auch die Brennnesseln abgemäht. Die Arbeiten an der Vikarie stocken mal wieder.
  1. J. Spengler und P. Deuser fuhren je eine Karre Dreck vom Kirchturm weg. W. Mülfarth, W. Schiffer und P. Bergrath 1+5+4 Karren vom Schuppen.
  1. Von 5-7 Uhr probte ich mit Grete Honold für die hl. Firmung.
  1. Gnadentag der Hl. Firmung.
    Bei von Meer wurde der 4-teilige Empfangstriumphbogen errichtet, mit Efeu, viel mehr Tannengrün und Buchsbaum umwunden. Kleine Fähnchen geben ihm noch einen Schmuck. Darin ein Schild  von … schwarz auf weiß fein gemalt: „Durch den Bischof die Einheit mit der Kirche.“
    Bei Mütz war auch noch ein Schwung Fähnchen, die aus Katzem und Gevenich zum Teil geliehen waren. Wurden in 6-8 Metern Abstand von Althoff bis zur Schule, durch den Lehrer, August Lorenz und Heinz Krauthausen eingerammt.  August Schmitz und Änne Meyers hingen die Fähnchen daran auf, die aus dem ganzen Ort zusammengetragen waren. Bergrath Peter hatte aus Herkenrath viele bunte Wimpel mitgebracht, die den unteren Teil der Kirchstraße schön machten. In letzter Minute kamen durch ihn auch Fähnchen vor die Vikarie.
    An der Schule hatten von Sägemehl, Hubert Mülfarth und Sibille Roeben, die sich Sonntag verlobt hatten, das sie rot, grün, blau und gelb färbten, einen schönen Teppich gemacht: Glaube, Hoffnung und Liebe und „Veni sante spiritus“.
    An den Häusern waren viele Fahnen. In der Notkirche hingen an den vier Wänden und quer durch die Mitte übers Kreuz vier Schwünge (?). Alle Bänke waren heraus. Im Flur zwei Ankleidetische und zur Hoftür hin das Tabernakel mit dem Allerheiligsten.
    Morgens waren um 8 Uhr alle 40 Firmlinge – 26 Jungen und 14 Mädchen zur hl. Kommunion gegangen.
    Um halb drei war die Aufstellung. Dann ging es mit Fahnen und kleinen Kindern dem Bischof entgegen. Bürgermeister Mülfarth, Matthias Mütz, Christian Krafft, Heinrich Philippen, Anton Schiffer und Paul Dederichs in Schwarz mit Zylinder ritten dem Bischof entgegen. Jakob Schürkens mit einem Dutzend Jungen des Sportvereins auf geschmückten Fahrrädern ihm entgegen.

    Pünktlich um drei Uhr traf er ein. Ich begrüßte ihn kurz und dann sagte die kleine Maria Honold und der kleine Konrad Philippen und vier Mädchen der Oberklasse ein Gedicht auf. Der Chor sang unterwegs Psalmen. Sehr leutselig war der hochwürdige Herr.
    In der Notkirche klappte alles zufriedenstellend. Die männliche und weibliche Jugend war mit von ….. und Katzem geliehenem …….. da.  Die Kinder antworteten gut. Ich konnte mit allen zufrieden sein .
    Bei von Meer war dann Empfang des Kirchenvorstandes und des Lehrers Schulte. Als assistierende Geistliche waren außer dem Bischofskaplan Dr. Bruns – auf der Rechnungskammer, in Trier bei dem sehr gestrengen, fast kleinlichen in Finanzdingen, Erzbischof Bornemann ausgebildet- anwesend Pfr. Düster, Pfr. A.D. Schmitt, Dechant Esser, Pfr. Kochs aus Herkenrath.
    Um viertel nach acht war Kindersegnung, zu der nicht all zuviele Mütter mit den kleinen erschienen waren, Das Wetter war gut. Auf dem Schulhof standen manche, die von dort der Feier beiwohnten. Erwachsene waren gut beteiligt.

Erste Nachkriegs-Wallfahrt nach Kevelaer

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| Mit 136 Personen auf Ladefläche |

Pfarrer Reiners organisiert die erste Wallfahrt nach Kevelar. Aus Geveldorf fahren 58 und aus Hottorf 78 Pilger auf der mit Bänken ausgestatten Ladefläche eine LKWs mit.

Büssing-Ferntransporter

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Wallfahrt nach Kevelaer: 

August 1946

  1. Mit Lehrer Schulte fuhr ich nach KevelaerGormanns will uns Ende des Monats nach Kevelaer fahren. 58 meldeten sich deswegen bei Maria Lieven.
    In Kempen bestellte ich Kerzen, Weihrauch, Kohlen und Wichs für das ganze Dekanat. 24 weiße Kerzen (englischer Wachs) brachte ich mit. In Kevelaer bei Bauer (14 Monate waren sie wegen Besatzung nicht im Haus und Geschäft) traf ich den Pfarrer von Baal, die Baaler wollen sich anschließen. Der Baaler Pastor hat zwei Monate die Gegend bis Kofferen seelsorglich betreut (1945: März-Mai).
  1. Gestern war mein 18. Weihejahrestag.
    In Kevelaer gibt es schon einiges zu kaufen. In der Basilika werden die Fenster eingesetzt. Ihre Orgel ist durch Ausländer im Priesterhaus zerstört worden. Sonst ist sie, die Gnaden- und Kerzenkapelle unbeschädigt. Von der Pfarrkirche liegt das Gewölbe am Boden. Der Kreuzgang ist endlich aufgeräumt. In den Geschäften gibt es schon einiges zu kaufen, besonders kleine Schmucksachen, meist gegen Eintausch von Silber.
  1. Heute ruhten sich alle, die … konnte, aus.
    Für die übermorgige Fahrt nach Kevelaer erfolgten Absagen.
  1. Ich beredete Gevelsdorf, mitzufahren. So hatten wir 136 Personen zusammen. Abend vorher geben wir Beichtgelegenheit.
  1. Heute fuhren wir um 6.15 Uhr mit Verspätung los. Von Müntz liehen wir uns Bänke aus (gemeint sind: Sitzbänke für die Ladefläche des Lastwagens). In Grefrath luden wir noch Irmgard Drießen auf. Der Chauffeur Schiffer von Wevelinghoven fuhr den 22 Meter langen Büssing-Ferntransporter sehr vorsichtig.
    Um 9 waren wir da. Am Seitenaltar lasen wir eine stille hl. Messe, dann hörten wir noch Beichte, weil der Kevelaerer Dechant keinen Pater zur Aushilfe bekommen konnte. Viele mussten so bis 11 Uhr nüchtern bleiben.
    In den Wirtschaften gab es schon Mittagessen und in den Läden manches zu kaufen, aber weniger als vor 14 Tagen.
    Um 2 Uhr betete ich den Kreuzweg vor und Pfarrer Düster predigte dort schön über das heutige, zum ersten Mal gefeierte Fest des unbefleckten Herzens Marias.
    1) Reinheit.
    2) große Liebe zu Gott.
    3) Mütterliche Liebe zu uns.
    Messdiener und Kreuz stellten die Gevelsdorfer, und Fähnchen.
    Das Wetter war uns günstig, auch auf der Rückfahrt. Immer hatte es vor uns geregnet. Nur ab Lövenich hatten wir ein wenig geregnet. In Gevelsdorf waren in drei Wirtschaften die Tische gedeckt und Kaffee aufgeschüttet; doch in zweien konnte ich alles bezahlen weil die meisten nicht aussteigen wollten, um den Platz nicht zu verlieren. Fast die ganze Zeit ist unterwegs gebetet und gesungen worden.
    Alle waren befriedigt. 78 Hottorfer und 58 Gevelsdorfer.
    8 Gevelsdorfer fuhren frei mit und 6 Hottorfer. Die anderen bezahlten 7,- RM, wovon der Autobesitzer 6,- RM erhielt. 10,- RM Trinkgeld gab ich dem Chauffeur.
    Die hl. Messe lasen wir in den Anliegen der Pilger. Für die geliehenen Bänke fuhr Frau Schmitz umsonst mit. Den Messdienern gab ich ihr Geld wieder. I
    ch meldete sofort eine zweite Fahrt für nächsten Mittwoch an. 23.8. Der Rektor von Ralshoven erschien, um am Mittwoch mit nach Kevelaer zu fahren. Ca. 25 Personen sollen mitfahren.
  1. Eine große Hoffnung, die ich auf die Fahrt nach Kevelaer setzte, erfüllte sich nicht, das Gegenteil schien eingetreten zu sein. Und doch wird Gott und seine Mutter alles zum Guten lenken.
  1. Zweite Fahrt nach Kevelaer
    Um viertel nach sechs kam das Auto mit 21 Gevelsdorfern und 26 Ralshovener, letztere hatten lange auf ihren Rektor gewartet und waren schließlich ohne ihn abgefahren, in letzter Minute kam er noch an. Von Kofferen waren auch 30 mit dem Pfarr-Rektor Krott dabei und 45 Hottorfer. Ich setzte mich dieses Mal hinten auf den Wagen. Fast die ganze Strecke wurde gebetet und gesungen.
    Der Ralshovener Küster und andere von dort führten sich bis Grefrath nicht gut auf. Auf der Rückfahrt bekam sogar einer vom Kirchenschweizer Ohrfeigen. In Kevelaer waren manche Fußprozessionen (von Lommersum, Meckenheim, Köln) und andere Prozessionen. Ich teilte öfters heilige Kommunion aus. Die Opladener hatten ein feines Hochamt.
    Um 13.15 Uhr wollte ich in der Kerzenkapelle predigen, kam aber wegen Prozessionen erst um 14.15 Uhr dazu. Thema: „Königin des Friedens“. Ich glaube, diese war sehr gut. Den Kreuzweg gingen wir privat.
    Um 16.30 Uhr fuhren wir los, verfuhren uns in Straelen und brauchten so eine Stunde über Leuth, Hinsbeck, Lobberich bis Grefrath. Dort wieder kurze Pause.
    Um 19.30 Uhr fuhren wir von Lövenich über Kofferen nach Hottorf. Einige Bänke waren in die Brüche gegangen. Den Hottorfern hatte es besser gefallen, weil ich die Leitung hatte und für Ordnung sorgte, besonders gegenüber Ralshovenern und gut predigte. Anstoß erregte der Rektor von Ralshoven.

Fronleichnam mit Altar in der zerstörten Kirche

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| Große Beteiligung |

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Erste Fronleichnamsprozession nach dem Krieg

Juni 1946
  1. Der erste Fronleichnamsaltar ist in der zerstörten Kirche.
  1. Große und geordnete Beteiligung bei der Prozession. Auch die Jungen beteten gut mit.
    Der zweite Altar war bei Frau von Meer, der dritte war der dritte Fußfall bei Heidelberg, der vierte der vierte Fußfall. Schlusssegen in der (Not-)Kirche.
    Leider haben uns die Kerzen die Decke über dem Altar mit der Zeit geschwärzt.

siehe Beitrag „Fronleichenamsprozession“ mit Fotos aus dem Jahr 1955

 

Lehrerin Gatzweiler verlässt Hottorf nach Rückkehr aus Evakuierung

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| "Hottorf hatte mir am wenigsten Freude entgegengebracht" |

Lehrerin Getrud Gatzweiler wird am 1. Oktober 1934 Lehrerin an der Kath. Volkschule in Hottorf. Dabei handelt es sich um einer Strafversetzung aufgrund ihrer kritischen Haltung zum Nationalsozialismus. Sie kehrt am 20. November 1945 aus der Evakuierung zurück. Pfingsten 1946 verlässt sie Hottorf und geht auf eigenen Wunsch zurück nach Mönchengladbach. Vermutlich im Frühjahr 1946 schreibt Sie ihre Erinnerungen zum Krieg und zur Flucht nach Bromby, 30 km südlich von Magdeburg, auf  (siehe weiter unten in diesem Beitrag, alternativ dazu gibt es  eine 15-seitige Druckversion und das handschriftliche Original zum Download).

Pfarrer Reiners schreibt in seiner Chronik über die Lehrerin Gatzweiler:

März 1946: Neuerdings darf Fräulein Gertrud Gatzweiler wieder Schulunterricht halten und hilft gut mit. Ende März soll es sich entscheiden, ob Frl. Gatzweiler eine Wohnung in Mönchengladbach bekommt, um Lehrein bei ihrem früheren Pastor in Eicken zu werden, die Genehmigung in Düsseldorf drückte er durch; mit den Mönchengladbacher Behörden hat er sich verfeindet. Er scheint sehr tatkräftig zu sein, ist aber nervös. Zwölf Jahre haben sich Lambertz und Gatzweiler nicht mehr gesehen. Die Gestapo hatte beide auf dem Kieker.

Am 5. April 1946  hielt ich die letzte Schulstunde vor den Ferien für Frl. Gatzweiler, die nach Mönchengladbach abberufen wird und heute zum Pfarrer Lambertz hin fährt. Es war ihr schwer, als sie die letzte Stunde gestern beschloss. Tränen standen ihr in den Augen . Gott vergelte ihr alles Gute, was sie den Kindern tut. Ein kathol. Herz schlägt in ihr. Dort im Mönchengladbach wird sich ihr wohl ein weites Feld öffnen.

Die Lehrerin Gatzweiler verabschiedete sich am 10.Juni 1946. Sie kommt als Mittelschullehrerin auf ihren eigenen Antrag nach Mönchengladbach. Zu ihrem Pastor Lambertz, der sie in der Jugendarbeit einsetzten wird. Neunzig Prozent (!) vom Ort sind froh, dass sie weg ist, da sie zu viel redete und kritisierte. Und ihren Streit mit Pastor Schmitt vergaß man nicht. Sie hat den Kleinen aber sehr viel Kenntnisse in Religion beigebracht. Nun sucht sie ihre Möbel im Dorf zusammen. 

Am 12. Juni 1946  ging die Lehrerin weg. 

Erinnerungen zum Krieg und zur Flucht von Gertrud Gatzweiler:

Am 12.9.1944 wurde der Unterricht in Hottorf wegen Frontnähe eingestellt.

Die Kinder, längst an die Gefahren des Luftkrieges gewöhnt, suchten in der Mehrzahl schon nicht mehr über Tag den Keller bei Fliegeralarm auf; sie fanden die Schließung der Schule höchst überflüssig. Die Front rollte so rasch näher – in einer Woche würde alles vorbei sein, und der Unterricht würde dann in Kürze weitergehen – so glaubte man allgemein. Daß an der Rur sich der längste Stellungskampf dieses grausigen Krieges entwickeln würde und daß die Dörfer, so still und abgelegen, zerstört werden würden – das ahnte niemand.

Schon seit Septemberbeginn waren in jedem Haus einige Etappetruppen einquartiert; sie sahen äußerlich nach Ordnung und Pflege aus, aber leider lernte die Jugend und die breite Masse des Volkes rasch und krass gerade von ihnen, daß das Wort „stehlen“ – von Dieb schon gar nicht zu reden – aus dem Sprach­gebrauch des deutschen Volkes entschwunden und der unschuldige Begriff „organisieren“ an seine Stelle gerückt war. Durchrollende Autos, mit Gepäckstücken hochbeladen, kündeten die zurückflutende Front an.

Das Dorfbild änderte sich jäh, als Masseneinquartierung kam. Die sogenannte „kleine Schule“, seit 47 Jahren nur von einer Lehrerin bewohnt, wurde, da sie weit und geräumig war, zum größten Truppen­sammel­platz. Am 17. September wurde Haus Nr. 2 mit 85 Schanzern belegt, Gerichtsbeamten aus Siegburg, alle gut gekleidet, obschon sie behaupteten, ihre „letzte Montur“ angelegt zu haben, Helle Wäsche, dünnes Schuhwerk, Sommeranzüge, gepflegte Hände, die nie einen Spaten umfaßt hatten, das war die Ausrüstung, die diese Leute mitbrachten. Die beiden Richter erschienen im Jagdanzug und wünschten ein weiß bezogenes Bett, das ich ihnen lächelnd gewähren konnte – wie würden diese Menschen aussehen, wenn sie den „anhänglichen“ Jülicher Boden kennen gelernt hatten?

Am 1. Tag durften sie sich wohnlich einrichten, am 2. Tag hieß es, morgens um 6 Uhr aufstehen, 6 1/2 Uhr Kaffee holen, 7 Uhr Abmarsch; Spaten wurden verteilt, und fort ging’s an neue ungewohnte Arbeit. Um 10 Uhr morgens kamen schon die ersten Herren zurück; sie sollten 2 1/2 m Boden, 1,4o m tief, 0,80 cm breit auswerfen und waren nach zweistündiger Arbeit schon abgekämpft.

Am 2. Tag verlangten die Klügsten schon nach einem Arzt; sie wollten sich ein Attest ausstellen lassen, daß sie arbeitsunfähig seien; am 5. Tag war die Schar schon so bedenklich zusammengeschmolzen, vor allen Dingen so ganz ihrer Führer beraubt, daß an eine Weiterführung der Schanzarbeit nicht zu denken war und die Herren in die Heimat zu anderer Verwendung zurückverfrachtet wurden. Sofort rückten 50 Kölner Handwerker aller Zünfte an – die Sache bekam ein besseres Gesicht. Aus einigen Schulbänken wurde eine große Bank gezimmert, aus Einzelsitzen Schemel fabriziert, aus 2 überflüssigen Türen und einem Tafelgestell erstanden Tische – die Skatecken waren fertig. Alle holten bei Bauern neues Stroh – die Lager auf dem Boden wurden fester und höher. Diesen Leuten war das Schanzen nur eine Nebenbeschäftigung, das Kartenspiel war die Hauptsache. Um 12 Uhr mittags hatten schon die ersten Handwerker die festgesetzte Menge Erde bewegt; die Arbeit war berechnet bis 5 Uhr nachmittags – dann gab es warme Suppe – aber bis dahin blieb keiner aus. Fast alle Handwerker nahmen sofort nach ihrer Ankunft eine gründliche Reinigung vor.

Bis zur NSV-Suppe mußten die Obstbäume des Dorfes daran glauben, und bei diesen Streifzügen lernten sie auch die Gegend kennen. Nach der warmen Speisung begann gegen 6 Uhr das Kartenspiel – aber Punkt 10 Uhr wurde die Notbeleuchtung eingeschaltet, kleine blaue Taschenlampenbirnen, die in jedem Raum angebracht waren und auch bei Fliegeralarm brennen bleiben konnten. Ordnung und Ruhe herrsch­ten im Haus – das wurde mit einem Schlage anders, als auch noch 15O Kölner-Hitlerjungen als Schanzen ins Haus kamen, 15O 14-16 jährige Burschen, führerlos, eine wilde, arrogante Horde, die Tag und Nacht keine Ruhe ließ. Dabei arbeite die Schar wenig – 2 Stunden Frühsport, nachmittags Fußballspiel, abends Umzug pfeifend und singend durchs Dorf. Es war eine Erlösung, als 2 Tage später noch 48 Frontsoldaten ins Haus kamen, eine Verpflegungskolonne, die hinter der Front liegende Ortschaften von Lebensmitteln zu säubern hatte. Diese Männer waren eine Hilfe, die HJ in Zucht zu halten.

Am Samstag, den 14. Oktober 1944 , morgens nach 10 Uhr, als die Jugend gerade vom Frühsport in die Klasse kam, flogen die ersten Ari-Granaten ins Dorf. Das Haus der Witwe Esser nebenan wurde getroffen. Ein Soldat, Ostpreuße, Vater von 9 Kindern, erhielt einen Splitter in die Halsschlagader, ein Hitlerjunge einen Bauchschuß – die beide wurden sterbend zum Hauptverbandsplatz nach Müntz gefahren. Ein Junge hatte beide Augen verletzt – die Burschen waren nur noch ein tobender Haufen, und noch während des Beschusses verließen die ersten mit ihrem Gepäck das Dorf; in 1 Stunde war die ganze Gesellschaft „heim zu Muttern“ verschwunden. Man hatte ihnen versprochen, nicht in Frontnähe zu kommen; man hatte ihnen das Wort gebrochen – nun durften sie auch treulos werden. Die alten Kölner Handwerker reichten auch Beschwerde ein; sie durften nach großen Streitigkeiten einige Tage später um Köln die gleiche Arbeit wieder aufnehmen. Aber es passiert wohl hin und wieder, daß man aus dem Regen in die Traufe kommt,  so auch dies Mal. 350 Elsäßer OF Leute, deren Deutschtum sehr zweifelhaft war, amen als Ersatz. Sie standen unter Aufsicht verschiedener politischer Funktionäre in Zivil; kein Wort durfte über die politische Frage fallen, nichts über die militärische Lage, obschon die Geschütze schon Tag und Nacht ballerten – ein ekelhaftes Theater -. Die Lebensmittel wurden für die ganze Belegschaft auf dem Speicher verteilt, dauernd ging’s treppauf, treppab. Bei Fliegeralarm wurde mit Absicht die Verdunkelung abgerissen; immer gab es irgendwie Zank und Streit mit den Goldfasanen in Zivil. –

Die Front in Gereonsweiler! Da wurde es Zeit, daß die unheimlichen Gesellen rückwärts verlegt wurden, und nun wechselte fast täglich die Einquartierung – Frontsoldaten.

Aber die Gegend sollte noch nicht genug verschanzt sein; nun hieß es: Die Frontsoldaten zum Obe­geschoß, das Untergeschoß wird mit 15O Russinnen belegt, die Schanzarbeit zu verrichten haben. Frauenpflege und Sauberkeit erfordert zivilisiertere Mittel als sie der Mann verlangt. Es war erstaunlich zuzusehen mit welch primitiven Mitteln sich die heimatentwöhnten Frauen und Mädchen zu behelfen wußten, aber es war auch ekelerregend und ein Beweis, wie tief die Führung des Kulturvolks der Deutschen gesunken war, die Frauen in diese Umstände einzwängte. Nachts lagen die Mädchen auf altem Stroh halbentkleidet, mit ihren Mänteln zugedeckt, aber trotz Posten schlich es schon in der 2. Nacht von oben nach unten und von unten nach oben, und nach 8 Tagen war die Unzucht und damit auch die äußere Unsauberkeit breit und offen.

Gegen diese Schmutzwogen war ich machtlos, gegen diese kleine herrliche Blüte des Rassegesetzes. Ich bat den Ortskommandanten, die Mädchen aus dem Haus zu entfernen; er gab mir zur Antwort, daß ein Privathaus sich mit Recht gegen die Ausländerinnen wehren würde, die Schule müsse diese Einquar­tierung behalten. – Das Beste für die deutsche Jugend! – Ein Teil der Soldaten sollte entfernt werden, dafür wurde der halbe Speicher mit Munition belegt.

Jeden Tag waren andere Flüchtlinge in den Zimmern, und während schon fast alle im Dorf packten, um nach rückwärts zu räumen, hatten wir noch oft nachts im Keller keine Ruhe, wo auf einigen Stühlen ein Lager bereitet war. Oben war ein Hexensabbat, in der Luft die Flieger wie Mückenschwärme – war’s ein Karnevals- oder ein Totentanz? Die Wege waren von den Panzerfahrten so schlecht geworden, daß die meisten Mädchen mit ihrem leichten Schuhwerk das Haus auch über Tag nicht mehr verließen. Seit dem 20. November wurde das Dorf von Zivilisten leerer und leerer, die Front war da.

Am Morgen des 22. erhielten die Russinnen den Befehl, 15 km weiter ostwärts zu schanzen, da sie als Frau zu sehr in der Gefahrzone ständen. Zwei große LKW‘s nahmen die Mädchen auf; die Wagen fuhren Ralshoven zu. Ich verließ mit den Mädchen das Haus, um nachzusehen, ob überhaupt noch ein Hottorfer im Dorf sei.

Wagen auf Wagen mit Flüchtlingen war die letzten Tage vorbeigezogen. Alle Häuser hatten in den letzten Wochen schon Flüchtlinge weiter westwärts liegender Dörfer beherbergt; daher kannten sie schon des graue Elend, in das sie jetzt selbst ziehen mußten. Ich hatte gerade die Eingangspforte zum Friedhof erreicht, als die Dachziegel meines Hauses mit jähem Sprung auf die Straße kollerten – die Heerbahn lag unter Artilleriebeschuß. Schnell in den Keller bei Gerwin Schmitz, das Haus war still und tot, da prasselten auch dort die Scheiben schon in die Straße. Nach einer halben Stunde ließ das Feuer nach – lebte die Mutter noch? Lebten die Soldaten noch, die in meinem Haus waren? Das Dach war zum größten teil abgedeckt alle Türen und Fenster mit Rahmen herausgerissen, 8 tote Russinnen vor dem Haus, verschiedene Verletzte, aber die im Haus waren, sind unverletzt geblieben, wie von einem Wunder behütet. Sie waren in dem hofwärts gelegenen Zimmer gewesen, als der Einschlag von der Straße her erfolgte, und lagen nun geistesabwesend im Keller. An ein letztes Einpacken war nicht mehr zu denken. Bis in die letzte Schrankecke waren die Schlammspritzer gedrungen, die Zimmerdecken kamen schon im Klatschregen herunter – da fuhr am andern Morgen die Mutter mit der Gulaschkanne nach Könighoven. Ich blieb noch 3 Tage in der leisen Hoffnung, daß die Front mich überholen würde; ich dachte bei dieser Motorisierung nicht an 3 Monate Stellungskrieg. Als ich mein Heim, daran ich mit Liebe gebaut hatte, verließ, hatte sich das sichere Gefühl, daß ich es nie mehr wiedersehen würde. Darum nun weg, weit weg in die unbekannte Fremde, weit weg von einem Kreuz, das ein Verbrecher für mich in der Heimat gezimmert hatte, so weit weg, daß ich nichts von der Heimat erfuhr, daß ich auf der Gesunden Basis leben durfte, auf der die anderen Menschen steh. Dieser Wunsch sollte mir in der Herrlichsten Wiese erfüllt werden. Das  Flüchtlingsjahr wurde das Jahr der Sommerfrische meines leben. Es war eine beschwingte, tatenfrohe Zeit in einem großen Kreis geistreicher, guter Menschen. –

Zuerst gelangte ich mit meiner Habe bis Titz; dort zimmerte mir Herr Pastor Hillebrand aus Lohn 7 große Holzkisten. Jetzt war mein Gepäck fertig für die Fahrt, eine ganz unerwartete Hilfe. Für den Preis von 100 Zigaretten erhielt ich ein Fuhrwerk bis Königshoven. Es war schwer, in dem Flüchtlingsstrom die Mutter zu finden, aber dann ging’s zu zweien an den Flüchtlingszug nach Bedburg.

Im Organisieren waren die Braunen groß, für Mütter, Kinder, sogar für etwaige operative Eingriffe war bestens Vorsorge getroffen. Der Zug wurde mit 1.7oo Menschen geradezu vollgestopft. Schon nach kurzer Fahrt mußte der Zug vor Gladbach einen ganzen Tag an einer Baumschonung wegen Fliegerbeschuß halt machen, und dann begann die 60 stündige Fahrt in den kalten Wagen. Zwar wurde täglich warmes Essen hereingereicht, aber strapaziös blieb die Fahrt doch. In Calbe/Saale wurden wurden wir ausgeladen; Mutter und ich gelangten mit 100 andern Flüchtlingen des Jülicher Landes nach Brumby, einem reichen Dorf der Magdeburger Börde von 2500 Einwohnern ev. Glaubens. Die Hauptlehrerin des  Ortes, Frl. Charlotte Hohmuth, nebenbei das begabteste, gesegnete, innerlich reichste weibliche Wesen, das mir das Leben gezeigt hat, spannte mich sofort in die Betreuung der Flüchtlinge ein und brachte mich selbst bei dem Bauern Otto Becker unter, der für seine 3 Kinder 3 Höfe von 25o Morgen besaß.

Nach 14 Tagen hatte ich die Abordnung für Brumbyer Schule in der Hand und erhielt folgenden Stundenplan: 8-1O I. Jg., 68 Kinder, 1O-12 II. Jg., 63 Kinder, 12-1 I. Jg. , 48 Flüchtlingskinder.

Das Schulehalten sollte eine Überraschung sein. Die Brumbyer Kinder waren bis auf einige Versager so begabt, daß ich in einem Vierteljahr so viel Stoff bewältigen konnte wie in Hottorf in 2 Jahren. Die Jugend drängte ordentlich nach vorn, das Lernen war eine Last, aber es kamen auch Frechheiten vor, die in der Heimat nie gewachsen wären, und die einer harten Faust bedurften. Dabei waren sowohl Schüler als auch Eltern von einem Arbeitseifer, daß man nicht genug Anleitung zu häuslichen Aufgaben und Übungen geben konnte. Das Gegenspiel war die letzte Stunde. Die Flüchtlingskinder stammten zum größeren Teil aus Essen, und ich weiß heute, daß eine Versetzung nach Essen-Stadt einer Strafversetzung nach Deutsch-Sibirien gleichkäme. Im 1. Jg. saßen 12 jährige, nicht aus Dummheit, sondern aus Disziplinlosigkeit: 40-50j % Versäumnisse monatlich, dreist, faul, schon sehr jung sinnlich, ein Vorwärtskommen war unmöglich. Neben den saubern Jülicher Kindern, die wie ein Gruß aus der Heimat da saßen, fiel die körperliche Verwahrlosung unangenehm auf. An den Mützen prangte das Edelweiß, das Abzeichen der kommunistischen Jugend. –

Der 3. Jg., etwa 70 Kinder, und der 4, Jg. in gleicher Stärke wurden abwechselnd von Frl. Freyer Kieinecke betreut, die, religiös völlig uninteressiert, eine Lehrerin nach preußischem Schrot und Korn war, zuverlässig und ordentlich bis zum I-Tüpfelchen. Die Oberklasse, 5.-8. Jg., 98 Kinder, unterrichtete Frl. Hohmuth in einer Klasse, u. ev. mit solchem Geschick, mit solch prickelnder Begeisterung, mit einem solch inneren Reichtum, daß ich nichts als Verwunderung und Bewunderung war.

Jede Woche wurde ich einmal zu Kaffee und Abendessen zu ihr eingeladen, und diese Stunden waren so erfüllt von Geist und Verstehen und Liebenswürdigkeit, daß wir wie zwei Gestirne waren, die ineinanderstürzen mußten. Wenn ich sie betrachtete in all ihrer körperlichen und geistigen Schönheit, was mich dann immer im letzten Moment zurück, nicht die Balken des freundschaftlichen vertraulichen Du zu betreten? Ihr Nähe war Erziehung, soldatische Haltung, seelische Disziplin, geistiges Leben – und doch! Vom ersten Augenblick an verglich ich sie mit dem Königlichen Panther, mit dem ich lächelnd spielen konnte, aber ich fürchtete, ja, ich fürchtete die Krallen oder war es die Verschiedenheit der Weltanschauung, sie eine idealistische Nationalsozialistin, der Glaube an Deutschland bedeute Religion, ich eine Feindin des heuchlerischen Gewaltsystems, das nur leeres Phrasengetrommel und leere Götzen hatte? Nein, dieser Gegensatz war es nicht, wir versuchten ineinander Berge zu versetzen und trafen uns dabei; ich fürchtete die Krallen des Panthers, die ich selbst nie erfahren, wohl aber in kurzer Zeit erleben, daß sie sich mit diesen Krallen selbst zerfleischte. –

Durch Frl. Hohmuth lernte ich auch das Dorf kennen, stellenweise ein Bild aus Richters Zeichnungen, stellenweise ein Bild moderner Zivilisation: die breiten gepflasterten Straßen und Plätze mit den dicken Akazienbäumen, die betont geräumigen Wohnungen der reichen Bauern, mit allem Pomp ausgestattet, die flachen kleinen Häuser der Knechte, die alten Rittergüter, die schöne Kunstwerke bargen.

Durch meine Gastwirtin, Frau Annemarie Becker, wurde ich zu den Advents-Leseabenden zu Familie Ministerialrat Lahr mitgenommen, wovon der jüngste 32 jährige Sohn seit einigen Wochen in Brumby als ev. Pfarrer amtierte, und so war die ganze Familie dem Bombenhagel in Berlin entronnen und hatte in dem großen Pfarrhaus in Brumby ihre Zelte aufgeschlagen. Die Mutter war einer echte weltgewandte Französin, aber ebenso der Vater ein deutscher Mann, der Pfarrer ein Gemütsmensch  von zuchtvoller Haltung, die Tochter eine tüchtige Zahnärztin, der älteste Sohn. Oberregierungsrat und z. Zt. In Hitlers Hauptquartier Ordonenzoffizier, ein sachlicher Beobachter, in politischer Hinsicht von starker Zurückhaltung der aber durch seine Charakterschilderungen der Größen des Dritten Reiches und durch manche Anekdoten die Neugier aller Zuhörer reizte.

Ferner traf ich bei diesen Mittwochs-Leseabenden an: die beachtliche und beachtenswerte Familie von Schwerin-Krosigk, die vor dem Einmarsch der Russen im Juni 1945 nach Wiesbaden flüchtete, ebenso die Familie von Trotha, die beiden Damen von der Osten sen. Und jun. Die im Juni auf ihr Gut nach Schleswig-Holtstein zogen, die zierliche, begabte Frau des Botschafters Krieger, die die Freiinnen von  Plettenberg, Familie Coens, die ihr Anwesen von 10.000 Morgen so musterhaft verwaltete, daß das Gesinde sehr zufriefen war, die reichen Gutsbesitzer Ernst u. Wilhelm Ziemann, die ev. Pfarrer Stephani und Pensky mit ihren Frauen, selbstmehr Gelehrte als Pfarrer, verschiedene Studienräte und Studienrätinnen aus der nahen Stadt, und endlich traf ich einige Male als Freund des Hauses Lahr Ernst Theodor Haecke.

Die Adventsabende waren so schön, daß man die Beibehaltung der Leseabende beschloß.

Ich kramte aus den reichen Bibliotheken meine Freunde hervor: Paul Claudel und Leon Bloy, Rilke und Michel Angelo Calderon und die noch lebenden gemütlichen Flamen.

Von selbst bekamen jetzt die Abende inmitten der ev. Gesellschaft ein kath. Gesicht und fast immer liefen die religiösen Streitigkeiten zu meinen Gunsten aus, da ich mit festeren Umrissen dienen konnte als die ev. Glaubensgenossen.

Durch diese anregende Unterhaltung ergab es sich bald von selbst, daß ich donnerstags mit Herrn Pastor Lahr die Predigt umriß und in ihren Hauptzügen aufsetzte, die dann samstags einigen Mitgliedern des Lesezirkels vorgelesen und die dann Sonntag mit großem Geschick und jugendlicher Begeisterung vorgetragen wurde.

Die Katholiken konnten jetzt ohne Bedenken die Predigt anhören, dafür hatte ich gesorgt. –

Bald wurden für dienstags Musikabende gewünscht, Sonntag war ich zum Theodor zum Abendessen eingeladen, bald lernet ich mit Pferden umgehn, und ich fuhr einspännig mit einer Jagdkutsche oder zweispännig mit einer großen Kutsche über Land, in die Stadt, durch den herrlichen von Trothaschen Park, in den Wald.

Konnte ein reichhaltigeres Programm der armen Flüchtlingslehrerin geboten werden, die überall liebenwürdig und ritterlich behandelt wurde? Konnte man irgendwo schneller den Krieg vergessen? Kein Alarm, keine Fiieger, kein Beschuss, kein Mangel, und überall nur Geist und Schönheit.

Bei meinen Gaswirten war ich bald Familienmitglied. Zuerst sehr ängstlich und mit großer Zurückhaltung aufgenommen, übergab der alte Herr Becker mir schon nach 14 Tagen die Buchführung, die erbis dahin selbst ausgeführt hatte, und nach weiteren 14 Tagen den Schlüssel zum Geldschrank.

Ansehnliche Summen sind durch meine Hände gegangen. Ich verkaufte z.B. 2.200 Zentner Spätkartoffeln zu 2,80 RM. Die Fruchtbarkeit der Börde ist noch größer als die des Jülicher Landes. Es wurde geerntet pro ha: 25O dz Kartoffeln, 28 dz Weizen, 30 dz Hafer. An Löhnen zahlte ich pro Arbeitswoche rund 500 RM aus. Es war mir eine Freude, die Deputate gut und gerecht zu verteilen. –

Zur Heimat hin hatte ich keine Bindung mehr. Nur die Rote Kreuz Schwester Katharina Herbergs, ein gutes, kluges Mädchen, das sich tapfer und offen zu mir bekannte und glaubend und liebend an mir hing, wußte um meinen Aufenthalt. Durch sie erfuhr der Ortspfarrer meine Anschrift, und so erhielt ich eines Tages von Herr Pfarrer Hubert Reiners die Nachricht, daß er eine Bücherkiste von mir durch Soldatenhilfe nach Fachhütte bei Giesenkirchen entführt hatte. Eine Bücherkiste? Wo waren die 14 andern, die über 2.000 Bände bargen? Wahrscheinlich auch durch Soldaten entfuhrt, aber nicht zur Sicherstellung! Gleichgültig! Das hier war eine saubere und darum beglückende Nachricht. Es gingen noch einige Grüße  hin und her, bis die Landesbesetzung durch die Alliierten uns trennte, und so erfuhr ich denn, daß im Februar die feine Barockkirche in Schutt und Asche sank, daß Trommelfeuer auf dem Ort gelegen, daß noch Hottorfer Männer im Kampf gefallen waren. Und darunter immer: Frohe Grüße. Das war gut gemeint, aber, Herr P. Reiners, wenn Sie wüßten, daß ich in einer Lage bin, wo mir die Freude gar nicht aufgeht! –

Am 10. April machte der Amerikaner einen überraschend schnellen Vorstoß vom Unterlauf des Main über Hessen und Thürigen nach Sachen, und schon am 13. April wurde Brumby kampflos besetzt. Kampflos? Ja! Die weißen Fahnen flatterten ganz fröhlich und neugierig aus allen Fenstern, nur Frl. Hohmuth mußte zum Flaggen gezwungen werden. Die Liebe glaubt alles. Ihre Liebe zu Deutschland und zu den führenden Männern war so stark, daß sie noch immer entgegen aller Vernunft an den Sieg glaubte. Als dann aber am 9. Mai das schmähliche Ende kam, als die Männer sich um die Verantwortung drückten, als sie sah, daß deutsche Mädchen und Frauen sich den Ausländern gaben, daß die Jugend, die sie mit nationalen Idealen erfüllt hatte, zum Polenball ging, wurde sie bleich und einsam und verbissen. Sie begrüßte keinen mehr, sie kannte keinen mehr als mich allein mit der Begründung: O, daß doch alle kalt gewesen wären oder glühend! Aber sie waren alle lau, darum mußte der Führer unterliegen, darum ging Deutschland zugrunde. –

Brumby erhielt zuerst amerikanische, dann bedeutend angenehmere englische Besatzung. Unser Kulturkreis ließ sich im großen und ganzen nicht stören, ja, die sonnigen Pfingsttage, da wir Fahrten und Spaziergänge durch das schöne Land unternahmen, gehören mit ihren feinen Gesprächen zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens.

Allmählich wurde das Gerücht lauter: Der Russe besetzt Sachsen. Das brachte Unruhe in die Bevölkerung,  und einige Großgrundbesitzer verschwanden aus der Gegend.

Es mehrten sich Polenüberfälle auf große Bauerngehöfte, und in der Nacht zum 17. Juni wurde der Hof meines Gastwirts von maskierten Polen überfallen und beraubt. Wir wurden alle mit den Revolvern aus den Betten gestoßen, barfuß und im Hemd in einen kleinen Keller eingesperrt, woraus wir 14 Personen, erst gegen Morgen befreit werden konnten.

Alle Lebensmittel, Federvieh, alle Herrenanzüge, Schmucksachen, größere Summen Geld, alles Packmaterial, wie Tasche, Mappen, Koffer, Damenwäsche und Schuhe waren geraubt

Die Polizei, die sofort auf eine Spur aufmerksam gemacht wurde, tat nichts.

Auch meiner Mutter und mir waren viele notwendige Dinge abhanden gekommen. Meine Mutter hatte z.B. keine Schuhe mehr; man kann zwar anderer Leute Wäsche zurechtschneidern, aber man paßt nicht in jedermanns Schuhwerk. – –

In der Sonntagfrühe des 1. Juli, als die Engländer noch in ihren Betten lagen u. schliefen, rückten die Russen mit großem Tam – tam ein, dieselben Schrei- und Rüpellieder singend, die der Nat. Soz.gekannt hatte.

Gegen 11 Uhr morgens waren die Engländer mit aller Bagage verschwunden, aber 8 Tage und Nächte dauerte der Russeneinmarsch, unabsehbares Menschenmaterial.

Das war der letzte Stoß für Frl. Hohmuth!

An sie denkend, hatte ich einige Damen und Herren des Kulturkreises zu einem Freilichtspiel aus dem Stegreif veranlaßt. Das mußte ablenken! Aber sie saß wie abwesend da.

Als auf der Höhe des Spiels ein russisches Platzkonzert unsere Stimmen im abgelegenen Pfarrgarten übertönte, brach sie zitternd mit einem jähen Schrei zusammen.

Wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod, und als sie wieder das Bett verlassen durfte, war sie blind und geistesgestört, und, wie mir die Ärzte der Bernburger Nervenklinik erklärten, es würden sich diese Anfälle wiederholen. Der Chefarzt sagte: „Sie wär so reich, daß sie ihren verwundeten Stolz und ihre verwundete Liebe wie ein vergiftetes  glühendes Eisen in sich hineinbohren konnte. Sie wird höchsten noch ein paar Jahre leben.“ 32 Jahre alt, und in Dunkelheit versunken! Genie und Wahnsinn! –

Schon die amerikanische Besatzung hatte mich, da ich politisch unvorbelastet war, zur Hauptlehrerin ernannt. Der Russe griff noch schneller durch. Für Brumby wurden 6 Lehrpersonen ernannt. Die Oberklasse erhielt einen 4o Stundenplan, es kamen beispielweise 2 Std.. Chemie, 2 Std. Algebra, 4 Std. Fremdsprache, französisch, englisch oder russisch hinzu. Die deutsche und lateinische Schrift mußten gleicherweise gepflegt werden. Die Lehrpersonen wechselten im Anfang schnell.

Das russische Gebiet war durch starke Postenketten von der englischen Zone getrennt. Aber es geschahen unerfreuliche Dinge; die Haltung der Russen wurde drohend und undurchsichtig. Da gingen Frl. Lehmann und Frl. Kleinecke über die „grüne Grenze“. Herr Balla, ein 55 jähriger Schlesier, von Heimat und Familie losgerissen, völlig unbemittelt, hatte in seinem politischen Fragebogen verschwiegen, daß er in den letzten Wochen zum Major befördert worden war. Er wurde seines Amtes enthoben und in die Steinbrüche nach Staßfurt gebracht, wo er noch immer für 80 Pfg. Stundenlohn arbeiten muß, ohne Hoffnung, Frau u. Kinder wiederzusehen.

Als Schulleiterin fühlte ich mich für die Güte der Lehrpersonen für das liebgewordene Dorf verantwortlich, aber ich fühlte, daß die, die ich bei der Magdeburger Regierung gleichsam erhandelte, sich doch auf die Dauer nicht würden halten können. –

Inzwischen machte die Bodenreform „rasche“ Fortschritte. Die Gutsbesitzer, die noch im Land verblieben waren, fühlten sich unschuldig gegenüber den immer drohenden Anklagen der Presse von Raub, Ausbeutung und Erpressung. Sie glaubten, daß ihr Besitztum auf 400 Morgen reduziert werde.

Als auch der Bezirkspräsident  unterschrieb, daß sie den Heimatkreis verlassen müßten, nahmen sie auch diese Nachricht noch geduldig hin. Einige Zimmer wurden versandfertig gemacht, die Koffer standen gepackt, man wartete auf den Tag der Ausweisung. Ich sehe noch Herrn Coene, wie er am letzten Sonntag seines Brumbyer Aufenthalts in der Kirche stand. Sein Ausdruck war Sammlung, höchste Innerlichkeit, Bereitschaft, Hochsinn und Demut in einem.

Nach dem Segen änderte seine Haltung jäh. Er zog die Brieftasche, legte einige große Scheine auf den Teller und ging dann fast gleichgültig wie ein Mensch, der fertig ist mit einer großen Bilanz.

Nachts gegen 2 1/2 Uhr wurden die Gutsbesitzer mit ihren Familien von Deutschen aus den Betten geholt. Sie mußten unter ihrer Aufsicht einen Handkoffer mit Leibwäsche und Kleidern packen, und dann brachte ein LKW sie zunächst ins Gefängnis nach Calbe, dann ging’s zum Lager nach Scnönebeck und von dort aus sollten sie nach Mecklenburg zum Siedeln auf 20 Morgen „verfrachtet“ werden.

Als Herr Wilhelm Ziemanns nicht sogleich öffnete, halfen Russen mit dem Gewehrkolben nach. Da rief Herr Ziemanns in russischer Sprache aus dem Fenster: „Ich bin 3 Jahre in Sibirien in Gefangenschaft gewesen; ich werde nicht noch einmal dahin gehn.“

Dann schickte er seine Frau, das Tor zu öffnen. Als die Kommunisten das Schlafzimmer betraten, hatte sich Herr Wilhelm Ziemanns erhängt. Der Tod war auf der Stelle eingetreten. Während des Tumultes entkam sein 19 jähriger Sohn im Nebel der Nacht; er ist seitdem verschollen. –

Als ich am andern Morgen in das Coene’sche Gut ging, angeblich um nachzusehen, ob noch schulpflichtige Kinder in den Betten seien,  war schon manches Stück der Einrichtung verschwunden, obschon noch keiner der Arbeiter das Haus betreten hatte. –

Die Belegschaft der Großbauern wurde aufgefordert, sich zum Siedeln auf 20 Morgen zu melden, es meldeten sich im ganzen Dorf nur 8 Arbeiter und 1 Essener. Da wurden die Parzellen kurzerhand verlost, ebenso der ganze Viehbestand. Dabei kamen die lächerlichsten Zusammenstellungen heraus; so erhielt beispielsweise das Reitpferd des Herrn Coene eine 65 jährige etwa 2 1/2 Zentner schwere Witwe. – –

Unser Kulturkreis war zusammengeschmolzen. Außer Frau Becker und Familie Lahr war nur noch die Frau des Botschafters Krieger übrig geblieben. Eine geb. Freiin von Plettenberg, Schwester der Frau Coene, war sie mit ihren 4 Kindern von Berlin zum Schwager geflüchtet. Im Zuge der Bodenreform wurde ihr noch 1 Zimmer belassen, da sie von der Wohlfahrtsunterstützung doch nicht mehr Miete zahlen könne. Ihr Guthaben war eingefroren. Sie war nicht mitverhaftet worden, um ihren Gatten anzulocken, von dem noch jede Nachricht ausstand. So mußte aber auch Frau Krieger den Versammlungsabenden fern bleiben, da sie ihre Kinder nicht allein lassen konnte und dauernd fürchtete, von ihnen getrennt zu werden. –

War der Kulturkreis nur zusammengewürfelt worden, um mir eine Freude zu bereiten?-

Durch das Näherzusammengerücktsein entwickelten sich die Beziehungen zu Familie Lahr immer inniger; sie sind zu einer Freundschaft erblüht, der keine Trennung mehr schadet. – –

Einen Abend der Woche hatte ich immer für meine Mitflüchtlinge freigehalten. Wenn freitags die Becker’sche Belegschaft entlöhnt war, ging ich zu den Heimatlosen, zu den Menschen in der Fremde. Da mir die Fremde so viel bot, war ich die stärkste von allen. Wenn ich mittags um 1 Uhr mit den Flüchtlingskindern die Schule verließ, standen die Evakuierten bereit, mit auf den Acker zu fahren. Dann kam es immer noch zu einer Plauderviertelstunde. Freitagsabends kannten wir kein Auseinandergehn. Ich ließ jeden seine Heimat so golden wie möglich malen; ich ließ jeden klagen und wieder klagen über die Fremde; denn das erleichterte das Herz. Und dann wurde ich selbst heiter und sang mit ihnen. Klagen? Nein, klagen konnte ich nicht. Ich hatte keine Heimat in ihrem Sinne, und Hottorf, wo ich das letzte Jahrzehnt  gearbeitet hatte, hatte mir am wenigsten Freude entgegengebracht von allen Orten, wo ich geweilt hatte. Dafür hatte ein gewissenloser Heuchler gesorgt, der an der Hand eines Verbrechers den Boden für meine Arbeit unterwühlt hatte, und Volk läßt sich bekanntlich leiten.

Aber in einem Punkt stimmte ich mit den Flüchtlingen überein: Brumby hatte keine kath. Kirche; es fehlte das Innewohnen  Gottes, es fehlte das Mysterium des Altares. Das war unser aller große und immerwährende Klage.

Dezember 1944 war eine Abordnung Katholiken von Brumby nach Calbe gegangen, um den dortigen kath. Pfarrer zu bewegen, auch in Brumby hin und wieder Dienst zu tun. Für die Frühe des 2. Weihnachtstages wurde ihnen Gottesdienst zugesprochen. –

Die Kirche in Brumby ist eine große Wehrkirche aus dem 12. Jahrhundert. Auf einer Bergkuppe gelegen, grüßt sie mit ihren trutzigen Zinnen und dicken Mauern und dem starken Wehrturm, umgeben von der weiten Wallmauer, stolz in das Land hinein, Das Innere überrascht noch mehr. Acht Emporen, in 2 Stockwerken übereinandergelagert, ziehen sich an 3 Seiten hin. Die Balkone waren im Mittelalter Sitz der Bruderschaften, seit der Reformation waren sie zu Familienlogen der reichen Gutsbesitzer herabge­sunken; heute stehn sie infolge der Bodenreform leer und verwaist.

Altar, Kanzel, Vorderfront der Balkone und Decke wurden in der Renaissancezeit erneuert, als das Land noch katholisch war. Man glaubt auch heute noch in einem kath. Kirchenraum zu stehn; nur das Fehlen des Ewigen Lichtes und wahrhafte Bankungestüme, die nur zum Sitzen und nicht zum Knien eingerichtet sind; bezeugen den heutigen Charakter der Kirche. Haben die Apostel dws Hauptaltars, die Evangelisten der Kanzel, die Christfiguren der in 90 Feldern kassetierten Decke, die Heiligenfiguren der 8 Emporen und der beiden Chorgestühle nicht aufgeschaut, als sich am Stephanustage 1944 die Kirche mit ungefähr 900 Menschen füllte, um sich zum ersten Male seit 400 Jahren zum hl. Opfer zu vereinen?

Nach 4 Wochen war der 2. Gottesdienst, und nun füllten ev. Christen die Emporen; Neugier hatte sie in die Kirche getrieben. Bei diesem Besuch des kath. Pfarrers wurde ausgemacht, daß alle 14 Tage nachmittags um 3 Uhr das hl. Opfer dargebracht werden solle.

Ich hatte schon die Gemeinschaftsmesse mit der aus allen Provinzen gesammelten Gemeinden eingeübt; nun führte ich im Anschluß an den Gottesdienst eine Singstunde ein, die sowohl von Katholiken als auch von Protestanten eifrigst besucht wurde. Um allen gerecht zu werden, wurde einmal ein Lied aus der Kölner, dann ein Lied aus der Diözese Münster gesungen und dann ein Lied, das den schlesischen Provinzen eigen war, und sie Protestanten sangen freudig mit.

Abe obschon jetzt alle 14 Tage Gottessdienst war, es war doch nur ein Gegrüßt-gemieden (?).

Wir Laien richteten selbst Andachten ein, aber die Kirche war eben doch nur ein Bethaus, kein Gotteshaus. Die Zusammenkünfte freitags schlossen wir meist mit einem Marienlied; wir nahmen uns vor, dem Feierstundeläuten um 11 Uhr vormittags und 6 Uhr abends wieder den Sinn des Engel des Herrn zu geben und für diese Zeit in jeder Arbeit inne zu halten, aber die Sehnsucht nach der Kath. Heimat wuchs in allen, bis auforaust8 in uns der gewaltige Chor: „Beglückt darf nun Dich, o Heimat, ich schauen.“

Der goldene Herbst war da, Hunderte von Obstbäumen trugen in den Becker’schen Gärten, im von Fruttsa’schen Park ihr schwere, reife Last; im Pfarrgarten quollen die Trauben, und die schönsten Früchte wurden in meine Hände gelegt.

Die Abendstunden vereinten uns am war Kamin, und des Werben der Freunde wurde immer inniger: „Bleib!“.

Gewiß, hier war ein ersehntes Leben, und dort war Kreuz, aber dort war auch religiöse Heimat, und dort war ein Leben, das seit 2 Jahrzehnten sein Geschick in Güte und Treue in meins verflochten hatte, und dort war Jugend, die an mich glaubte und auf mich wartete. Und das war nicht nur Glück, das war Verantwortung und Verpflichtung.

So meldete ich mich mit der Mutter zum Rücktransport in die Heimat. Jede Stunde, die ich noch bei den Freunden verleben durfte, war mir liebes Geschenk. —

Am 15. November schlug die Stunde des Abschieds. Die Liebe der Freunde umspülte mich noch einmal mit heißen Wellen. Auf Veranlassung von Frau Ministerialrat Lahr hatte jedes Mitglied des Kulturkreises ein wertvolles Buch mit einer Widmung für mich hinterlassen, zum „Aufbau einer neuen Bibliothek falls die alte verschwunden sei.“ Der Ortspfarrer schenkte mir dazu eine Federzeichnung seiner Kirche, die, wie er sagte, auf der Rückseite Worte trug, die man nicht aussprechen könnte.

Ich war von allem so verwirrt, daß ich die Schätze gar nicht beschaute, andern versprach, sie auf den Weihnachtstisch zu legen, wo sie wie ein helles Licht strahlen sollten.

Die Jungen und Mädchen hatten die Berufskameraden abschiednehmend auf der Straße mobil gemacht, ein letztes Lebewohl und auf Wiedersehen, und alles versank im Dunkel des getroffenen Herzens. – – –

„Immer 5 Personenwagen und ein Gepäckwagen!“ befahl die Bahnhofsleitung; „jeder Gepäckwagen muß von 4 Männern bewacht werden.“ So rollte dar Zug aus der russischen Zone der englischen entgegen. Bange Erwartung war in allen.

„Weferlingen – russische Endstation! Alles aussteigen! Im Marschtritt 1 km über die Grenze!“ Da wußten alle Flüchtlinge: Der Rücktransport war organisierter Raub. Jeder warf einen letzten Blick auf‘ seine letzte Habe. Schnell die Mappe mit den Papieren unter den einen Arm, ein Bündel Wäsche unter den anderen Arm geklemmt, reihte ich mich der langen Flüchtlingskolonne ein, die mit Revolverschüssen und Kolbenstößen über die Grenze getrieben wurde. Sorge und Schmerz im Herzen, Sorge um die Zukunft, Schmerz um manches Schöne, das ich mit der fraulichen Kraft des Gemütes erworben, und, wie die Rose erglühend im Kelch, ob seiner Schönheit vor andern Augen verborgen hatte, und das ich nun in schmierigen Händen wußte.

Auf der englischen Seite standen wir Tag und Nacht im weiten Hof des Lagers zur Entlausung, drei Nächte mußten wir draußen stehn, ehe uns der Zug über Oldenburg-Duisburg über den Rheinstrom fuhr, und dann waren wir am 20. November linksrheinisch.

Hier zeigte der Krieg sein grausiges Gesicht: Ruinen, Trümmer, Panzerwracks, Gräber am Wegrand. Das zerschossene Heimat-Dorf wirkte auf mich wie die höhnische Larve eines berauschten Narren.

Mein Heim?

Die Möbel von 7 Zimmern waren bis auf einige Bruchstücke gestohlen oder sinnlos zerstört; nur Familie Reitz hatte einen Schrank gerettet; selbst das Klavier seines Inhaltes beraubt, nur der leere Kasten gähnte mir entgegen.

Wie mir glaubwürdige Hottorfer berichteten, waren meine Möbel noch Ende Mai ziemlich vorhanden – also waren nicht feindliche Soldaten die Zerstörer -; einige Familien hatten, zurückkehrend, mein Heim benutzt und jetzt? Leer und verwüstet.

Und als ich die Frage stellte: „Warum habt Ihr meine Möbel nicht zusammengestellt und eingeschlossen?“ kam mir die alte Kainsfrage als Antwort: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders? Ich habe mich nur um mich selbst gekümmert.“

Das war das Erschütterndste für mich. Zuerst wollte ich mich in pharisäerhaftem Stolz von allen abwen­den, aber dann sagte ich mir, daß, wie dem Handwerker die geschickten Hände, mir die soziale Gesinnung als Rüstzeug beigegeben war, mich helfend und hütend allem Schwachen und Kleinen zur Seite und mich schützend zwischen alles Schuldige und den berechtigten Zorn zu stellen, und daß ich nur ein Aufgeld zu zahlen hätte, wenn ich diesem Helferdrang nicht nachgeben würde. –

Was aber das Schlimmere war, meine Dienstwohnung – eng mit dem Schulraum unter einem Dach verbunden – war mit 3 Familien allerletzter Wahl belegt, die kein Hottorfer freiwillig aufgenommen hätte. Das „hat der Feinol getan.“

Man sage nicht, in der Schule behindern diese Leute keinen, und die Kinder merken nichts davon. Die Jugend weiß wohl zwischen den Fehlern und Schwachheiten wohlmeinender Menschen und den Abgründen letzter Degeneration zu unterscheiden.

– So bin ich – ungefähr als die Letzte heimgekehrt – die Einzige im Dorf, der es nicht möglich ist, wieder ein eigenes Heim zu gründen und zu genießen.

Warum geschieht mir dies? Oder werde ich auch „ohne Beutel und Schuhe“ ausgeschickt, um doch, besitzlos, zu bekunden, daß mir nichts gefehlt hat, nachdem Brumby ein so kostbares Angeld gewesen ist?

Soll ich nach der Geborgenheit und Verborgenheit seit der Strafversetzung 1934 nun nach 12 Jahren wieder unbelastet hinausgeschickt werden zu größeren Aufgaben? –

Manches im Dorf wäre anders, wenn Herr Pastor Reiners eher nach Haus gekommen wäre; aber er konnte auch erst im September wieder nach Hottorf kommen. Manche Einwohner klagen Über Diebstahl der Nachbarn, und es ist schon so, wie manche sagen, daß der Herrgott Kriegssondergesetze und eine allgemeine Amnestie erlassen muß, bis die Nachkriegszeit wieder die Herzen und Heime in Ordnung bringt.

Durch den Ortsbürgermeister wurden Mutter und ich bei den Nachbarn Froitzheim untergebracht. Dort haben wir gute Aufnahme gefunden. Ein warmer Herd und das tägliche Brot – das sind die mächtigsten und beherrschenden Faktoren dieses Notwinters.

Vor den beiden ersten apokalyptischen Reitern, die heute durch die deutschen Gaue rasen, sind wir bei Froitzheim geschützt. Dabei lasse ich mich so gerne von der Schwester der Frau Froitzheim, Frl. Sehrey, im Dorf allgemein „Tant Traud“ genannt, betreuen.

Wer morgens schon vor 6 allein im Stall den Schweizer macht, die Feuer schürt und hütet, um die körperlichen Eigenheiten und Vorlieben von Mensch und Tier weiß, den Appetit der einzelnen weckt und deckt und selbst kaum Zeit zum Essen findet, weil er in Haus und Stall und Garten und Feld schuftet; bis er abends gegen 11 Uhr an den Betten steht und jedem eine „gute Nach“ wünscht, der ist keine weiche Tante, das ist eine harte, gute Tant.

Wenn es bloß die Körperkraft der 7o-jährigen wäre, aber wie sie alles tut! In Bereitschaft und Treue, in Selbstverständlichkeit und dienender Liebe und vor allen Dingen mit immerwährendem Frohsinn. Sie ist eine „Heldin des Alltags“.

Hottorf ist durch die sinkende Geburtenzahl einklassig geworden; Herr Lehrer Schulte ist wieder in den Dienst eingestellt. Aber wer zur Nazizeit aus politischen Gründen strafversetzt wurde, der darf auch jetzt wohl einen Wunsch äußern.

Ich möchte über diesen Notwinter bei „Tant Traud“ bleiben, besonders auch um mich langsam von den Kindern zu lösen, die noch immer und überall an mir gehangen haben. Dieser Wunsch wurde mir gewährt.

Nachdem die Militärregierung durch die Hand des Regierungsdirektors Herrn Dr. Deutzmann meine Zulassung zum Schuldienst gestattet hatte, bin ich seit dem 25. Januar wieder Lehrerin der 3 untern Jahrgänge in Hottorf.

Aber wohin nach Ostern, ohne Kleid für die warmen Tage, ohne Mantel, ohne Deckzeug für die Nacht?

Wenn die Sonne am Morgen aufgeht und die Strahlen über den Horizont schießen, weiß man noch nicht, ob der Tag blau oder so grau wird, daß Wolken das strahlende Gestirn verdecken. So zeichnet sich schon leise die Arbeit an einem Menschen, mit einem Menschen und durch einen Menschen ab; dem ich als größter, nachgiebigster, aufpeitschender Feind letzter Freund sein will – aber Gewißheit ist mir noch nicht über mein äußeres Geschick. Aber in mir lebt nicht die Hoffnung, sondern der Glaube an diese Sendung, ein Glaube, so stark, daß ich hoffe, in treuer Arbeit an mir selbst die Kraft und den Segen zu haben, über die engen Bezirke des Ich und des Du und den weiteren Kreis der Berufsarbeit in die Höhen und Tiefen der Menschheit hineingreifen zu können, um so am Ewig-gültigen, am Seienden mitwirken zu dürfen; denn das Geschick der Glaubenden und Liebenden gibt der Welt die letzte Formung und nicht der Waffengang  Satans.

So gleiche ich der vor Saft überquellenden Traube, und wenn mir noch ein paar Herbstjahre die Gesundheit des Leibes verbleibt, hoffe ich, am Ende dem HERRN den liebenswürdigen Vorwurf machen zu können, daß er „den guten Wein bis zuletzt aufbewahrt hat“.

Weitere Informationen zum Ort Brumby und zur Kirche St. Petri

Erstkommunion 1946

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| 12 Kommunionkinder |

Am Weißen Sonntag 1946, dem 28. April, findet die Erste Hl. Kommunion nach dem 2. Weltkrieg statt. Die 12 Kommunionkinder werden beim Hof von Meer abgeholt und zur Notkirche im geschmückten Schulgebäude geführt. 

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Erstkommunion 1946

April 1946
  1. Ostermittwoch
    Kommunionunterricht hielt Lehrerin Frau Gatzweiler, weil ich an der Kirche zu sehr beschäftigt bin.

    Fünf Kommunionanzüge (grau), die Pfarrer Kauff gestern Abend persönlich brachte, bekommen. Krieger, Breuer, Stocken, Flesch, Görtz. 20,-RM jeder. Billig.
  1. Markusprozession. Schlechtere Beteiligung. Kein Lehrer, keine Lehrerin, kein Brudermeister dabei, die Schulkinder hatten die Hände in den Hosentaschen und die Mütze auf dem Kopf. Wir gingen die Fußfälle nach.
    Mittags ließ ich Klara Küppers Unterricht bei den Kommunionkindern halten. Mit ihr und Gretchen Honold übte ich dann.
  1. Wieder Probe mit Kindern und Messdienern und Einübung von Liedern durch den Herrn Lehrer. Platzanweisung der Kinder.
  1. Bei Witwe Schmitz bekam ich drei Fahnen, mit denen wir das Schulgebäude schmückten, dazu die lange Fahne „Maria Himmelfahrt“ von Spengler. Dazu kleine Straßenfähnchen und einige Wimpel. 10…. Mädchen nahmen wir noch als Postierung zu beiden Seiten des Altares.
    Die kleine Elisabeth Honold und Grete Mütz sind Führengelchen. Die Kinder haben meist frische Blumen im Haar. Frl. Gatzweiler und Frl. Margarethe Honold führen die Kinder.
  1. Weißer Sonntag:
    Abends arbeiteten Hubert Mülfarth und Sibille Roeben und zwei von Schulte bis nach 12 Uhr an der Schmückung des Altars, woran in Grün mit kleinen Blättchen auf Karton aufgeklebt, „Jesus, Heiland, Seligmacher“ prangte. In der Mitte war ein goldener Kelch mit Hostie.
    Neben dem Altar an der Männerwand war der Platz für die zwölf Erstkommunikanten, wo ein Teppich hingelegt war. Acht Messdiener waren auch noch eigens instruiert.
    Um 7.15 Uhr holten wir mit den meisten Kindern, Messdienern und ….. und drei Fähnchen die zwölf bei von Meer ab. Die Eltern gingen dahinter, der Chor sang das Magnifikat, dann drei Fronleichnamslieder. Die Predigt gelang auch noch sehr gut, sodass alles sehr schön war.
    Um 10 Uhr war dann stille Heilige Messe.
    Um 15 Uhr die Danksagungsandacht, wo ich nur von den Kleinen vorbeten ließ und Lieder dazwischen singen. Tagsüber besuchte ich alle Elternhäuser und aß und trank mit den Leuten. Dito wohl Frau Gatzweiler und Familie Schulte. Manches gute Gespräch ließ sich da führen. Sehr schönes Wetter war die Tage. Alles grünte und blühte und die Vögel sangen.
  1. Heute Danksagungsmesse durch Pfr. A.D. Heinrich Schmitt.

Abstimmung über Schulform

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| Eltern stimmen ab |

Im März 1946 stimmen Eltern über die künftige Schulform ab. Neben der konfessionellen katholischen Schule, für die die Hottorfer sich entscheiden, steht noch die „Einheitsschule“ zur Wahl.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Abstimmung zur katholischen Schule: 

März 1946

  1. Am Tag der heiligen Gertrud musste ich das Hirtenschreiben ………. Einwilligung der konfessionellen Schule auf Wunsch der abstimmenden Eltern verlesen.
    Das Abstimmungsformular ist sehr kompliziert. St. Bürokratius hat Pate gestanden. Fast könnte es erscheinen, als ob die Tatsache, dass, wenn keine Eltern für diese Schule abstimmen, die Sammelschule kommt, eine Bevorzugung der Sozialisten bedeutet, die ja die „Einheitsschule“ wünschen. Die alten Mätzchen werden wieder aufgewärmt: Es gibt kein mathematisches Rechnen, keinen katholischen Fußball usw. . Es gibt aber wohl einen Katholiken, der rechnet und Fußball spielt. Aber solche Antworten weiß das verblüffte Volk oft nicht zu geben.
    Es ist wohl kein Zweifel, dass sich Hottorf zu einhundert Prozent für die konfessionelle katholische Schule entscheidet.
    Schroeder in Palenberg hat nicht die Hoffnung, dass bei ihm die Mehrheit dafür ist. In den Städten werden wir wohl Inseln minderer Religiösität erhalten. Religionsunterricht soll auch noch in den Sammelschulen sein. Auch die Evangelischen setzten sich für die religiöse Schule ein. Interessant der Brief des Amtsbruders „der anderen Fakultät“ des Pfarrer Fehsenfeld von Marklohe dazu. Im Herbst war er noch dagegen, auch die niedersächsische Splitterpartei wird sich dafür einsetzen, wie Pfarrer Stegemann von Magelsen schrieb.
  1. Zum letzten Teil des Hirtenbriefes sprach ich ernste Worte zur Not der Zeit. Nach dem Hochamt verteilte Lehrer Schulte die Abstimmungsformulare, deren Kopf er ausfüllte. Viele füllten ihn sofort aus.
    Auf dem …  in Rödingen hieß es, dass die Militärregierung an den Bischof herangetreten sei, die Schulabstimmung bis nach den Wahlen zu verschieben. Er lehnte in fünf Sätzen dieses Entgegenkommen gegen Sozialisten und Kommunisten ab, denen es natürlich hier unangenehm ist, gegen die konfessionellen Schulen Stellung nehmen zu müssen.
    Mehr als die Hälfte aller abgegebenen Stimmen sind ungültig, weil die Unterschrift in Blockschrift geleistet worden war.
  1. Eine Kalamität ist das mit den Schulabstimmungsformularen bzgl. Blockschrift der Adresse des Abstimmenden und Zeugen und der Unterschrift dieser Leute. Man staunt auch sonst bei der Durchsicht der Zettel über die Dummheit und die Unbeholfenheit der Leute. Noch drei Familien sind im Rückstand mit der Willenserklärung. Wenn die Behörde kleinlich ist, kommen nicht die vom Bischof erwarteten 90-94 Prozent heraus, besonders, wo die Sozis und Kozis so Gegenpropaganda machen.

    Immer mehr Kofferer Kinder kommen nach hier zum Unterricht. Jetzt vielleicht schon 25.
    In Kofferen und Boslar ist bisher noch immer kein Schulunterricht. Also fast zwei Jahre lernten die Kinder nichts.
  1. Einstimmig stimmten die Eltern für die katholische Schule.

Die Nachkriegsjugend und das Tanzen

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| Tanzkurs im Saal Mütz |

Die Nachkriegsjugend lernt das Tanzen. In Hottorf finden Tanzkurse statt, so dass zeitweise jeden Abend in der Woche im Saal geübt wird. Tanzleher ist Nikolaus Edlinger. Am Wochenende bieten Mai- und Kirmesfeste reichlich Gelegenheit zum Tanz – nicht nur in Hottorf, sondern auch in den benachbarten Orten.

Ortspfarrer Reiners findet am Tanzen – in der Nachbetrachtung seiner Chronik – überhaupt kein Gefallen. Es fällt ihm schwer zu akzeptieren, dass die Jugend sich nach dem Krieg wieder amüsieren will, solange sich noch Hottorfer Soldaten in Krieggefangenschaft befinden. Die Dokumentation seines Mißfallens gibt einen guten Überblick zu den Festen, an denen getanzt wurde – wie z.B. an St. Martin.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – „Unzeitgemäßes“ Tanzen: 

März 1946

  1. Er schlug wohl ein. Ich sprach auch gegen das unzeitgemäße Tanzen und das geradezu mordhafte Schnapsbrennen.

April 1946

  1. (Osterdienstag) Zur gleichen Zeit fanden sich im Mütz’schen Saale, den die Mädchen am Ostersonntag gereinigt hatten, ca. 150 Mädchen von hier, Ralshoven, Müntz und Kofferen ein, die bei Nikolaus Edlinger tanzen lernen wollen. 20,- RM für jede macht 3000,- RM. Feines Verdienst. Die besseren Mädchen nehmen nicht teil. Bis 1. Mai ist jeden Abend um 9 hr Tanzkursus, dann dienstags und freitags, drei Monate lang. Die Jugend vergisst die Not der Zeit und dass die Soldaten noch nicht zu Hause sind. Augenlust und Hoffahrt des Lebens und das Ende ist Fleischeslust.

Mai 1946

  1. Kirmessonntag: Im Saal von Mütz ist gegen Verbot doch Tanz. Natürlich. Wie der doch die Jugend anzieht und religiöse Werte fast nichts sind.

  1. Kinderbelustigung: Leider war als Abschluss wieder Tanz. Das vierte mal in diesem Monat. Verrückt. Leider gingen auch solche hin, von denen ich es nicht erwartet hatte.

  1. Den Hottorfern machte einen Strich durch die Rechnung des Gehens nach Gevenich zum Tanz und zur Kirmes. Jeden Sonntag irgendwo Tanz.

Juni 1946

  1. Heute wurde Edlinger veranlasst, den Mittelball des Tanzkränzchens schon morgen und nicht erst Samstag wegen der Beichtgelegenheit am Samstag zu halten. ….. hätte ich noch die 120,- RM für die Musik bezahlt. Er musste nun in die umliegenden Dörfer und alles umbestellen. Das war fein von ihm.
  1. Nachmittags nur Mittelball. Doch zwei Polizisten erschienen und verboten das Tanzen. Nur Klavierspielen sei gestattet. 30-40 Kuchen und Torten waren da, sie entgingen der Beschlagnahme, doch die Polizisten begingen den Fehler, dass sie mitaßen. Edlinger hatte nicht die vorgeschriebene Erlaubnis eine geschlossene Gesellschaft war es auch nicht, da er Karten zu 2,- RM verkauft hatte. Abends sprangen die Ralshovener mit Erlaubnis von Titz ein, sodass die Musik spielen konnte.

  1. Der Hof (von Meer) und der Kirchenvorstand soll ihnen die Polizei auf den Hals gehetzt haben. …. Hetzer, die die Mädchen und mit ihnen die Jugend dagegen aufhetzen. Frau von Meer wusch ihnen den Kopf. Frau Edlinger fuhr nach Jülich, um beim Kommandanten Tanzerlaubnis zu beantragen. Sie soll sie in 10 Tagen bekommen. „dann würde noch mehr getanzt und alles nachgeholt!“.
  1. Um zwei Uhr waren wohl alle Jungen und Mädchen da, um in Müntz an der Feier der Jugend teilzunehmen. Pfr. Duster predigte gut, aber etwas lang über das Thema „Einer trage des anderen Last“. Besonders hob er die Familiensorgen hervor und predigte gen die Tanzwut. In Müntz war Kirmes.
    Drei Tage Ball. Mit viel Eifer hatte die Jungend den Saal wiederhergestellt. Um die Feier einzuproben, hatten sie keine Zeit. Wohl in allen Orten ließ die Beteiligung der Jugend an der Kommunion zu wünschen übrig.

  1. Für den 23.6. ist wieder Tanz. Diesmal durch die Ralshovener. Wieder läuft die Jugend mit Ausnahme von vier Mädchen und einem Jungen restlos hin.

August 1946

  1. Nur einmal im Monat darf noch in einem Lokal Tanz sein mit Ausnahme eines zweiten Kirmestages .

September 1946

  1. Morgen ist schon wieder gegen die Bestimmung Ball der Ralshovener. Außer dort ist in Müntz und Kofferen Kirmes.

Oktober 1946

  1. Ein neuer Tanzkursus durch Edlinger soll begonnen haben: Pro Abend 50 Pfennig.

November 1946

  1. Ein Martinszug findet nicht statt, da er keine Genehmigung hat. Dafür ist Martins-Ball. Mal wieder. Die Jugend sackt immer mehr ab.

Dezember 1946

  1. Dem Sportverein ist sein Tanzen zu Weihnachten verboten worden.; nur Theater und ruhige Feiern sind da gestattet. Einige schoben mir das in die Schuhe.

Februar 1947

  1. Ich sprach über das Tanzen als Seelsorger. Ob es Erfolg hat?

Mai 1947

  1. Der Maizug fiel aus.
    Um halb sechs kam Mülfarth und Frau und Schulte und Frau mich abholen und so besuchten wir den Tanz. Ich tat es, um die Jugend zu gewinnen. Mal schauen, ob s Erfolg hat, z. B. nächsten Sonntag bei der hl. Kommunion ist.

  1. Die Jugend tanzte ja bis 2.30 Uhr. Die Maiandacht war gut gestern besucht.

  1. Um 15.30 Uhr: Maizug und Tanz. Mittelball. Fast nichts in der Maiandacht.

Verfahren zur Entnazifizierung

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| ... doch Nazis sind wir nie gewesen |

Aus dem Portal Rheinische Geschichte: „An­fang 1946 er­gin­gen dann ver­ein­heit­li­chen­de Richt­li­ni­en der bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung. Ge­mäß ih­rem Prin­zip, sich bei um­fas­sen­der Kon­trol­le auf ei­ne in­di­rek­te Herr­schaft zu be­schrän­ken, wur­den im Früh­jahr des Jah­res die Deut­schen auch for­mal an der Ar­beit und der Ver­ant­wor­tung für die Ent­na­zi­fi­zie­rung be­tei­ligt. In al­len Stadt- und Land­krei­sen wur­den deut­sche Ent­na­zi­fi­zie­rungs­aus­schüs­se ein­ge­rich­tet..“

Weiterhin aus LVR: „Ein Jahr später wurde die Beurteilungspraxis differenzierter. Fortan wurde zwischen ‚Hauptschuldigen’/’Verbrechern‘, ‚Belasteten’/’Aktivisten‘, ‚Minderbelasteten‘, ‚Mitläufern‘ und ‚Entlasteten‘ unterschieden, wobei sich die Briten die Kompetenz für die ersten beiden Kategorien vorbehielten.“

Auch Hottorfer mussten im März 1946 zum Auschuss nach Linnich fahren.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Zur Entnazifizierung: 

2. März 1946: Bemerkenswert war in den 14 Tagen, dass alle Parteinagehörigen und Mitglieder aus NS-Organisationen und die, die in betrauten Organisationen Posten hatten, sich an 3 Tagen in Linnich persönlich melden mussten. Wohl ca. 20 nahmen die Meldungen entgegen. Wie manchem ist das ein rauer Gang geworden.

Durch Frau v. Meer sind hier fast alle Frauen in der Frauenschaft gewesen, von den Männern waren nicht allzu viele in der Partei. Frau von Meer hatte sich damals an die Spitze gestellt, damit nicht die Plebs regiere. Nach zwei Jahren wurde sie aber schon durch Frau Elisabeth Schmitz ersetzt, die dann tüchtig weiter warb.

Für die Hottorfer war es am zweiten Tag eine recht lästige Fahrt im Regen, da sich alle auf einem Planwagen fahren ließen, bis vor der zerstörten Rurbrücke. Nachher trank man noch gemütlich Kaffee. Im Meldungssaal hing ein schöner Spruch des Inhaltes: „Wir drängten uns in die Partei und waren überall dabei, wir waren große Profitler und riefen oft und laut: Heil Hitler! Wir nannten in ein höheres Wesen, doch Nazis sind wir nie gewesen!“

Unter anderem erschien auch Frau Katharina Kochs aus Tetz da, da auch sie als zahlendes Mitglied in die Frauenschaft hineingeriet. Es war ihr sehr peinlich, dass sie gerade mit den Hottorfern zusammenkam. „Ihr ganzes Renommee bei den Hottorfern ist hin“  stellten wir humorisch auf dem Kaffee anlässlich des Namenstages meiner Schwester fest. Die Melderei hatte wohl den Zweck, dass die passiven Nazis nicht gewählt werden dürfen und die aktiven dazu nicht wählen dürfen. Neuerdings dürfen auch Parteigenossen in die Gewerkschaften eintreten.

Inbesondere die Lehrer der Dorfschulen waren verplichtet diesen Prozess zu durchlaufen. Pfarrer Reiners berichtet z.B. dass die Lehrerin Gatzweiler „wieder Untericht halten darf„.  Vom in Hottorf geborenen Lehrer, Adam Lieven, der 1847 in Hottorf geboren wurde und die Schule in Kleinebroich-Eickerend leitete, befindet sich die Entnazifzierungsdokumente der britischen Militärregierung im Landesarchiv NRW.

Pfarrchronik der Nachkriegsjahre

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Pfarrer Reiners beginnt am 1. Februar 1946 mit einer sehr detaillierten Pfarrchronik, die am 17. Oktober 1948 endet. Auf 78 handschriflichen Seiten schildert er tagesgenau die Ereignisse zur Beseitigung der Kriegschäden an den kirchlichen Gebäuden (Kirche, Schulhaus, Pfarrhaus und Vikarie) sowie Geschehnisse in der Pfarre, in der Schule und im Ort. In Ermangelung eines passenden Heftes bzw. Buches, nimmt er freie Seiten im Buch der Marianischen Jungfrauen Kongregation.

Er hatte bereits im Jahr 1942 mit einer Chronik begonnen, die aber dirch die Besetzung abhanden gekommen ist.

Er beginnt nun wie folgt:

Liste aller Beiträge, die aus dieser Chronik zitieren:

Wiederaufbau der Kirche beginnt

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| Bauausschuss entscheidet über Architekturentwürfe |

Ende Januar 1945 befasst man sich zum erstem Mal mit dem Wiederaufbau der Kirche. Der Baumbestand des Pfarrwaldes im Hambacher Forst und Stetternicher Wald im Hinblick auf verwendbares Bauholz gesichtet. 

Der Architekt Hans Laxner aus Krefeld reicht zwei verschiedene Entwürfe für den Aufbau der Kirche ein. Die Hottorfer wollen ihr altes Gotteshaus wiederhaben.

Die erste Haussammlung in Hottorf vor Weihnachten erbrachte erstaunliche 3.500 Reichsmark, eine zweite Ende Januar weitere 1.500 Reichsmark. 

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Erste Planungen zur Wiederaufbau der Kirche: 

Januar 1946

  1. Am selben 28. Januar fuhr ich mit den Kirchenvorstandsmitgliedern Peter Bergrath und Max Meyers früh zum Hambacher Wald. Oberhausmeister Hamacher kam just daher und besichtigte mit uns den Gott sei Dank nur leicht beschädigten Wald. Auf Stetternicher Gebiet stehen ca. 50 schlagreife Stockeichen. Dort sind vielleicht 2 Granateinschläge. Die vor 2 Jahren neu angelegte Buchen – und Fichtenschonung ist sehr gut angeschlagen. Am südlichsten liegt ca. 1 Morgen Tannenwald. Dort waren Stellungen drin gebaut. Einige Tannen waren durch Granaten beschädigt.
    Aus dem Wald holte man besonders Masten für die noch 23 Dörfer Jülichs, die noch ohne elektrisches Licht sind. Stellenweise ist der Wald ziemlich zerfetzt. Das Holz wird jetzt als Brennholz verkauft. Bauholz ist seit Ende Januar beschlagnahmt. Wir fuhren dann nach Hambach, wo uns die Kirche und der alte Friedhof entsetzte, wo noch nichts aufgeräumt war. Weil zu viel der Heilige Bürokratius gefragt worden war, die Kirche sogar baufällig erklärt worden war, wächst der Schaden auf ca. 100.000 Mark an. Im Dach wäre mit 10 – 15 Brettern ein Gewölbeschaden durch den monatelangen Regen von tausenden Mark verhindert worden. Lehrer Amfaldern steht dort für die christliche Sache wacker seinen Mann. Seine Frau ist mit Meyers und Nöthlings-Immels verwandt.
    Von da fuhren wir zum Stetternicher Wald zum Forstmeister Schmitt, der uns Transportgenehmigung für unser Holz gab.  Auf dem Rückweg nach Jülich kamen wir 100 – 150.000 Tellerminen vorbei, die am Wegesrand lagerten. Im Baugeschäft Docker erfuhren wir, dass an Baumaterial nur gegen Scheine vom Kreisbauamt etwas zu haben sei. Wir fuhren dahin und hörte, dass erst die 3.000 oder 8.000 A-Wohnungen in Stand gesetzt werden müssten. Dann käme erst unsere B-beschädigte Vikarie dran. Ich fuhr dann zum Kloster Overbach, wo schon sehr aufgeräumt ist und von dort aus nach Rurdorf zu Henseler, um zu sehen, ob die Stationen von Gr. Honold für unsere Kirche fertig wären. Nun ist aber der junge Willi Henseler am Kölner Dom mit Glasarbeiten beschäftigt.

  1. Am 29. Januar fuhr Max Meyers mit seinem Wagen und Peter Bergrath mit Erich v. Meers wagen zum Hambacher Wald
    Anton Schiffer, Peter Deuser Sie räumten einen Bunker aus, schlugen einige beschädigte Tannen ab und kehrten mit den 2 Fuhren gegen Abend zurück. Das Holz lagerten sie in meine Wiese. Das Wetter ging ab, infolge Nässe – viel, viel Regen fiel, sodass die Flüsse Hochwasser hatten – konnte in den nächsten 14 Tagen nichts an der Kirche gearbeitet werden, weil ja kein Schutt weggefahren werden konnte.

    Ich brachte die Kasse der Kirche buchmäßig in Ordnung und machte die Vorarbeiten für die Kirchenrechnung 1944/5 und 45/6. Viel leichter ging das, weil ich sehr viel – monatelange Mühe – auf die Rechnung 1943/44 verwandt hatte. Einer Fahrt zum bischöflichen Generalvikariat machte einen Strich dadurch die Tatsache, dass 1. Die Bahnverbindungen noch sehr mäßig sind, bloß 4 Personenzüge auf der Strecke Mönchengladbach – Aachen, 2. Tod und Seelenamt meiner Tante Josefine Heinen geb. Kemmer in Alsdorf und die bessere Aufstellung der Kirchenrechnung, wenn ich die Vorlagen 43/44 benutze.

    Inzwischen reichte Architekt Hans Laxner Königshof (Ortsteil von Krefeld), sein Büro in Krefeld, Alexanderplatz 11, zwei Entwürfe ein. Der eine will die Kirche modernisieren. Viele bauliche Umänderungen. Bis auf eine Stimme „pro“ fand der Plan allgemeine Ablehnung. Gotisierend will er insbesondere das Innere machen. Sein Durchblick in die Kirche sah zeichnerisch so aus, dass man sagte: „Runkelrübenmiete, Feldscheune wegen des Gebälks u.a.m.
    „Wir wollen die alte Kirche wieder!“ sagte man, und wenn sie 10.000,- RM (einer 25.000,- RM) teurer ist. Ich glaube, dass Schlimmste war, dass die Gesetze der Akustik nicht beachtet waren, dass es keine Luft mehr genug geben würde, dass man sich bedrückt fühlen würde. Da der Architekt selbst erschien, konnte ich es ihm persönlich sagen, er war nicht sehr erbaut, hatte sogar noch eine schöne Außenansichtzeichnung der Zukunftskirche da, die ich in meinem Zimmer aufhängen habe, und schickte bald eine neue Zeichnung, die gefiel: „Ja, das ist unsere alte Kirche. So muss sie werden!“
    So entschied auch der Bauausschuss. Letzterer setzt sich zusammen aus dem Kirchenvorstand und je 1 Mann von je 10 Häusern. Mit einer Vollversammlung hatte ich zweimal schlechte Erfahrungen gemacht. Damit kommen wir nicht weiter. Darum wurde er gebildet. Auf der Vollversammlung redeten mehr dagegen wie dafür. Aber das ergibt nicht die wahre Stimmung des Ortes. Die zeigte sich als wir so vor Weihnachten die erste Haussammlung abhielten; durch je 1 Mann vom Kirchenvorstand und einem Nichtmitglied auf je 20 Häuser. Sie brachte ca. 3.500,- RM ein; auf 1.000,- hätte ich bloß gerechnet. 
    Mit der Gabe vom Bischof von Osnabrück -8.000,- RM, die er mir von 13.000 RM Kollektengelder ließ für meine neunmonatliche Tätigkeit im Ortsteil des Kreises Grafschaft Hoyer und im Nordteil von Nienburg/ Weser – hatten wir im Neujahr 12.000,- RM zusammen. Die zweite Sammlung Ende Januar erbrachte 1.500,- RM.

Februar 1946

  1. Heute, am 15. Februar, sind bald 16.000,- RM zusammen. Hoffentlich ein großer Prozentsatz der Unkosten.

    Ich bat mal den Architekten Hans Laxner von Krefeld, Alexanderplatz 11, von Mainz gebürtig, gut katholisch, mit gesunden politischen Ansichten, mir zu sagen, wie viel wohl der Aufbau der Kirche koste, Da meinte er, das ließe sich nicht schätzen. Vielleicht 40-50.000 RM.

    In den vergangenen Tagen konnte wegen des schlechten Wetters nicht an der Kirche gearbeitet werden.

 

Der Nachlass von Architekt Hans Laxner befindet sich Baukunstarchiv NRW. Aber leider befinden sich dort keine Unterlagen zur Hottorfer Kirche: „Leider gibt es im Nachlass von Hans Laxner keine Unterlagen zur Kirche St. Georg in Linnich. Das Projekt ist auch in seinem Werkverzeichnis nicht aufgeführt.

 

Kirche ist fast ausgeräumt

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| Pfarrhaus wird zum Lager |

Seit Dezember 1945 werden Ausstattungsgegenstände und brauchbares Balkenwerk in der Kirche geborgen und auf dem Grundstück des Pfarrhauses gelagert.  Ende Januar ist der größte Teil geschafft. Der letzte Schutt wird bis zum Osterdienstag 1946 (23. April) geräumt und ist die Kirche „besenrein“.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Stand der Lagerung von  kirchlichen Ausstattung im Pfarrhaus Ende Januar 1946: 

Dezember 1945

  1. Nachdem am 3. keiner erschien war, waren am 4. da: Maria, Hubert und Wilhelm Mülfarth, Anton Schiffer sen. Und Johann Jussen, Maria Vahsen und Katharina Lorenz.
    Die Mädchen sortierten mit mir Holz, bzw. halfen Heinrich Reitz drei Karren Schutt in der Wiese laden. Er kam mit der Fuhre von Kaspar Mütz, der selbst mit den anderen Männern in der Kirche die Hälfte der Kommunionbank und einen Altar ausräumte.

  1. Am 11. Dezember arbeiteten am Balkenwerk der Kirche Anton Hochstein, Wilhelm Honold, Jul. Bauch, der Pole Zusanski, Ludwig Schiffer und Anton Witorski, Witwe Esser und Heirich Berger. Die Kanzel wurde sichergestellt.

  1. Am 13. Dezember räumten die Kommunionbankhälften, den Altar auf der Evangelienseite und den Taufstein samt …… …… Viktor Verbiesen, Fran Vaehsen, Wilhelm Stocken, Heinrich Deuser und Matthias Tirtey.

Januar 1946  

  1. Am 28. Januar 1946 zog Matthias Schmitz, Karl Heister, Johann Emmerich, Nikolaus Edlinger, alles Personal des Erich von Meer mit 2 Pferden 3 schwere Balken aus der Kirche, die letzten. Sie kamen in meine Wiese, wo viel Holz aufgestapelt liegt, was vielleicht noch verwertet werden kann oder als Pfähle benutzt werden kann. Dort liegen auch ganze Karren kleines Brennholz von der Kirche und größeres, was noch zerschnitten werden muss.
    Einige Karren sind gegen Entgeld an den Küster a.D. Anton Lieven, an Wilhelm Dederichs, an Frl. Krauthausen, Wwe. Hubert Schiffer, an Geschwister Bergraths abgegeben und Wägelchen voll an Jäger, Nießen, Lang, Lenzen, Völker u.a.. Bretter erhielten Krieger, Bergrath und Heinrich Schiffer. Andere stehen noch in meiner zerstörten Waschküche.

    In meinem Haus (Pfarrhaus) steht im Zimmer rechts von der Tür zum Garten hin die Kommunionbank und der Taufletter(?), sodann die Schränke aus dem zerstörten Vereinszimmer, das Archivzimmer ist erhalten. Von links war ein Granattreffer hereingekommen, der ein großes Loch in der Straßenfensterwand verursachte und die Flurwand zerstörte. Dort liegt das Zinn der Orgel und Bänke u.a. aus der Kirche.
    Die Küche ist ziemlich erhalten und enthält Privatsachen. Der Abstellraum ist unbenutzbar, da das Dach weg ist. Keine einzige Fensterscheibe ist mehr im Haus und noch nicht. Die Fensterrahmen sind fast alle noch heil. Die Decken müssen überall neu verputzt werden.

    Oben sind die Zimmer unbeschädigt mit Ausnahme eines Loches von  1 m Durchmesser in meinem Schlafzimmer. Alle Löcher besserte Gerhard Schmitz aus unter der Assistenz von Josef Lieven („Müllers Jupp“ Sohn des Müllers Jakob Lieven, Kirchenschweitzer a.D.). Er nahm nichts dafür.

    Auf meinem Schlafzimmer sind die Reste der Altäre und die Kanzel. Mein Studierzimmer und meiner Schwester Schlafzimmer sind leer. Auf dem Fremdenschlafzimmer stehen die Stationen.

    Alle Fenster haben wir mit Brettern dicht gemacht, damit der Wind nicht so durchzieht. Keine einzige Tür ist oben mehr im Haus. Unten sind noch drei leidlich erhalten und die Kellertür.

    Der Keller ist unbeschädigt. Alle in ihm geborgenen Sachen warf der Amerikaner heraus, da er darin einen Sanitätsraum einrichtete. Meine Schwester barg sie im Juni, wo sie einige Wochen hier war.

    Die Decken im Obergeschoss sind mehr beschädigt, da das Dach monatelang nicht zugelegt war. Man wartete immer auf Dachziegel. Einige Balken waren auch zur Westseite hin zerstört. Sie machte Ende Oktober Stellmacher Jansen aus Ralshoven. Sodann lieh ich Pfannen bei Wwe. Anna Schmitz und den Gebrüdern Schmitz und ließ durch Küppers-Mülfarth mit Brettern des Rest des Daches zuschlagen. Weil die Bretter aber zu sehr auseinander übereinander geschlagen sind, kommt doch noch etwas Regen durch. Der Dachfirst müsste neu eingedeckt werden, Ziegel fehlen dort. Trotzdem der Ortsbürgermeister Wilhelm Mülfarth dreimal bei Heinrich Görtz war, und ich selbst, macht der das nicht. Das ist typisch für alle unsere überlaufenen Handwerker, sie versprechen alles, halten aber viel zu wenig.

    Im Garten machte meine Schwester oder ließ zumachen ca. 20 Granattrichter. Außer der im Dachstuhl zerstörten Waschküche sind die Schuppen an der Straße ebenso zerstört. Alle Pfannen wurden weggenommen. Die Verbindung zwischen Haus und Kohlenstall und der selbst liegt halb danieder. In ihm lagert jetzt Kalk, der mit Sand durchsetzt werden soll. Den lieferte uns durch Vermittlung von Frau v. Meer eine Eschweiler Firma, die dafür Stroh bekam: 5 Zentner von Anton Esser, 4 von Spengler, ½ von P. Schmitz, 1-1/2 von Geschwister Nöthlings, 4 von Geschwister Mütz. Jetzt ist er beschlagnahmt und wird vorläufig bloß für A-Häuser herausgerückt. (Das sind solche Häuser, die bis 25% beschädigt sind).

    In meiner Wiese waren noch 5 Granattrichter. Die meisten Bäume sind weg. Dort lagern jetzt Holz, Steine und Balken. Die Wiese müsste umgegraben werden.

    Die Vikarie hat mehr als das Pfarrhaus gelitten, der alte Lieven bezog sie doch, in ein paar Kammern haust er. Das Vereinszimmer und das darüberliegende Schlafzimmer ist mit dem Dach darüber vollständig weg. Das andere Dach deckte ihm sein Sohn Franz, jetzt Küster in Hochneukirch, schön zu.

    Dieser Tage ließen wir durch den Stellmacherr Jansen in Ralshoven feststellen, wieviel Holzwerk für den Wiederaufbau nötig ist. Unbenutzbar sind auch die 2 Zimmer, die Therese Kraft bewohnte. Ein ganz großes Loch klafft im ehemaligen Wohnzimmer des Küsters bis zum Eingang der Südseite hin.

März 1946  

  1. Am Vortage des heiligen Josef begannen wir wieder an der Kirche zu arbeiten. St. Josef möge uns beschützen. Schönstes Frühlingswetter (endlich nach sechs Regenwochen) war ein verheißungsvoller Auftakt.
    In der Kirche wurden die Bretter unter den Frauenbänken hochgestellt und das Podium unter den Männerbänken frei von Schutt. 

April 1946  

  1. Zum Arbeiten an der Kirche bekam ich am Nachmittag kein Fuhrwerk. Es erschienen Sibilla Roeben und Franziska mit Christian Lorenz, Hubert Jäger, Hubert Mühlfarth nach seiner Stunde beim Herrn Zimmermann. Wir klopften Steine und schichteten sie auf und reinigten Chor und Sitzplätze der Kinder.
  1. An der Kirche arbeiteten bloß Servus für Spengler und Viktor Verbiesen. Wir …ierten etwas den Teil, der der Zivilgemeinde gehört und fuhren alle schweren Steine aus und in der Kirche an die Straße.
  1. Nachmittags erschienen an der Kirche drei Kinder und Wilhelm Stacken, Sophie Froitzheim, Viktor Verbiesen, und Hubert Jäger, die Decke der Empore, der Beichtstuhl und der Schutt darauf und darunter wurde als letztes in der Kirche vor das Kirchenportal hinausgeschafft.
    Im Beichtstuhl war ein lebendiges Kaninchen, dass uns entsprang; eine Ratte schlug ich tot. Die Kissen waren noch gebrauchsfähig, ebenso die Birne der Lampe. Die Kinder begannen auch die Grube des Friedhofes an der Mauer bei Froitzheim zuzuwerfen. Der Friedhof selbst wird von den Leuten mehr und mehr mit Blumen geschmückt. Die beiden Bretterwände, auf denen die Bänke an der Frauen- und Männerseite standen, sind hochgehoben. Von unten sind sie noch ganz. An zwei Stellen ist der Boden eingesunken. Ob eine Sand- oder Mergelgrube die Ursache ist oder Unterkellerung? Abends kamen die neun schulentlassenen Jungen zu mir in meine Wohnung bei Frau von Meer.
  1. Osterdienstag: Die Kirche wurde ganz ausgeräumt und gekehrt. Der Rest Steine an meiner Gartenmauer aufgeschichtet. Der Fliesenbodenbelag wurde an den eingesunkenen Stellen entfernt.

Aufräumungsarbeiten an der Kirche beginnen

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| Mit Pferd und Karre wird der erste Schutt geräumt |

Ab Mitte September 1945 organisiert Pfarrer Reiners die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten an der Kirche. In seiner Pfarrchronik hält er auf über 100 handschriflichen Seiten detailliert fest:

  • Wie viele Stunden gearbeitet wurden
  • Welche Arbeite ausgeführt wurden (Schutt laden, Steine klopfen, …)
  • Wie viele Karren Schutt verladen wurden
  • Welche Personen gearbeitet haben  

Dabei führt er eine Statistik:

  • Sep. ’45: 145 Fuhren, 91 Personentage
  • Okt. ’45: 245 Fuhren, 184 Personentage
  • Nov ’45 bis Jan ’46: 326 Fuhren, 349 Personentage

Das sind in Summe 716 Fuhren und 624 Personentage, was einer Stärke von etwa 6 Personen entspricht – also 6 Personen Vollzeit 40h/Woche von September bis Januar.

Noch für März 1946 sind diese Summen aufgeführt, danach nicht mehr:

  • Mär ’46: 325 Fuhren, 45 Personentage

Nachfolgend zwei Auschnitte aus der Pfarrchronik zum Beginn der Aufräumarbeiten im September und einer Zustandsbeschreibung der Gebäude zum Oktober 1945.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Der Beginn der Aufräumarbeiten im September 1945: 

Arbeiten und Dienste Erwachsener

September 1945

  1. nachmittags: Um 7 Uhr begann Franz Lenzen mit Leni Lang und einem Pferd und einem Hans Gereon Schmitz. Nach der heiligen Messe half Lehrer Ferdinand Schulte und Lisa Lang mit, den Schutt an der Sakristei wegzuräumen. 9 Fuhren wurden geschafft. Christian Jäger schaffte am Nachmittag. Pferd und Karre von Froitzheim bediente Gottfried Dohmen, Sohn der M… Völker. Ihm half Hubert Esser. Sie legten den Eingang zur Kirche frei. Er schaffte 4 Fuhren.
  1. morgens: Anton Schiffer erschien mit Pferd und Karre. Ihm half Nik. Edinger und Agathe Nießen sowie Herbert Dohmen. Auch Franz Breuer half einige Stunden. Sie schafften 10 Fuhren. Nachmittags holten sich Nik, Edlinger Karre und Ochs von W. Esser. Ihm half meine Schwester Mechthilde und Grethe Schiffer trotz Regen den ganzen Nachmittag. ……….. Frau Anton Jülicher. 7 Fuhren.
  1. morgens: Pferd und Karre und Peter Bergrath, Peter Jörgen, Agnes u. Gertrud Reitz, Anneliese Lieven (spätere Anneliese Skvorec), Frau Held, Sophie Froitzheim. Sie schafften 9 Fuhren. Nachmittags: Pferd von Meer und Jakob Keutmann, Nikolaus Deuser, Frau Held, Franz Klütz und Heinrich Schiffer und Frau Schiffer, Wilhelm Schmitz, Anneliese Lieven, Agnes und Gertrud Reitz. 6 Fuhren.
  1. Mit Pferd und Karre von Althoff-Dohmen fuhr Herrmann Jäger eine Fuhre.
  1. Mit Pferd und Karre fuhr …. Vaehsen und Wilhelm Claßen. 11 Fuhren.
  1. Mit Pferd und Karre erschienen nachmittags der derzeitige Bürgermeister Wilhelm Mülfahrt, Hubert, Maria, Josef, Bärbchen Mülfahrt und schafften 5 Fuhren. Die Westseite wurde freigelegt. Dito erschien mit Pferd und Karre Lothar Müte und leistete 4 Fuhren.
  1. Mit Pferd und Karre erschien nochmals Wilh. Mülfahrt mit Maria, Hubert u. Josef. Sie schafften 4 Fuhren. Nachmittags erschienen Jakob Keutmann, Josef v. Ameln, Heinrich Krichel, Sibilla Krichel, Käthe und …. Krafft, Josefina Steffens, Sibilla und Luise Roeben. —
  1. Mit Ochs und Karre kam Martin Esser; ihm halfen Wilhelm Küppers und Hubert Meyers, Stine …… Frau Heidelberg und Frau Christin Nießen, Klara Küppes und Bärbchen Mülfarth und Frau Müntz (bei Krauthausen bei Mersch), Änna Meyers und Peter Jäger. Auch Heinrich Küppers erschien kurz. Sie schafften 9 Fuhren. Morgens war auch Änne Schiffer da.
  1. Mit Karre und Pferd erschien Peter Schmitz und Gertrud Schmitz. Desgleichen Gretchen und Wilhelm Honold. Ebenso war mit Pferd und Karre da Engelbert Steffens und Fina Steffens. Hubert Jäger. 7 + 7 Fuhren. Nachmittags mit Pferd und Karre erschien Johann Krafft, und der Sohn Ludwig von Schiffer Martin. Ihnen halfen: Margarethe Honold, Frau Wilhelm Heister, Frau Breuer, Agnes Schmitz, Elisabeth Emmerich. Sie schafften 4 + 6 Fuhren.
  1. Mit Pferd und Karre waren trotz regnerischen Wetters Engelbert Krichel und Peter Breuer da: 5 Fuhren. Nachmittags mit Pferd und Karre war Josef Spengler da und ….. Brandenburg. Soldaten. 7 Fuhren.
  1. Mit Pferd und zwei Karren erschien Josef Krauthausen. Ihm half sein Soldat Maruhn. 8 Fuhren.
Kinder

September 1945

  1. Am 18.9.1945 waren da: Willi Lieven, Maria Mütz, Franziska Jäger, Hubert Reitz, Wili und Heinrich Krieger. Sie brachten am Nachmittag den Friedhof mit in Ordnung.
    Nachmittags: Heinrich und Willi Krieger, Hubert Reitz, Max und Peter Josef Krauthausen, Franziska Jäger, Maria Mütz, Fran Josef Nöthlings, Karl Heinz Eickmanns, Hermann-Josef Rixgens, Willi Heidelberg, Franz Spengler. Auf eine Stunde ließen sich auch Agathe und Helene Deuser sehen.
  1. Am 19.9.45 waren morgens da: Willi Lieven, Franziska Jäger, Maria Mütz, Katharina Küppers, Maria Lieven, Edmund Keutmann,  Willi Krieger, Hubert Jäger, Willi Heidelberg, Anni Breuer, Therese Mülfarth.
    Nachmittags: Hubert reitz, Willi und Heinrich Krieger, Maria Lieven,, Max und Peter Krauthausen, Adolf und Friedel Meyers, Hubert, Franz und Peter Spengler, Hubert und Franziska Jäger, Herrmann, Magdalena und Katharina Küppers, Hubert Mütz, Anni Breuer, Therese Mülfarth, Franziska Lorenz, Franz Rainer Herbergs, Willi Lieven, Edmund Keutmann, Willi Heidelberg, Wegen Regen arbeiteten sie mit Ausnahmen von Th. Mülfarth, L. Görtz, Hubert reitz, Hubert Jäger und M.Lieven bloß bis drei Uhr.

  1. Am 20.9.45 morgens: Hubert Jäger, Edmund Keutmann, Josef Mülfarth, Hubert Reitz, Hermann Küppers, und Hermann Josef Küppers, Max und Peter Josef Krauthausen, Therese Mülfarth, Leni Görtz, Anni Breuer, Franziska Jäger, Maria Lieven, Katharina und Magdalena Küppers, Josefine Clahsen.
    Nachmittags: Edmund Keutmann, Hubert Jäger, Hermann Küppers, Willi Heidelberg, Karl Heinz Eickmanns, Fritz von Berg, Josef Mühlfarth, Hubert, Peter und Franz Spengler, Franz Josef Nöthlings, Hubert Reitz, Franziska Jäger, Hubertine Keutmann, Therese Mülfarth, Helene Brack, Helene Deuser, Agathe Deuser, Anni Breuer, Maria Lieven, Gertrud Lentzen.
  1. Am 21.9.45 morgens: Therese Mülfarth und Maria Lieven.
    Nachmittags: Therese Mülfarth und Martha Dolfen, Franz Rainer Nöthlings, Friedrich von Berg, Peter und Hubert Spengler, Gertrud Mütz.
  1. Am 22.9. morgens: Peter Mülfarth, Magdalene Küppers, Heinrich Krieger, Willi und Hubert Heidelberg.
  1. Am 24.9. nachmittags: Willi Lieven, Heinrich Krieger, und Hubert Nießen.
  1. Am 25.9. morgens:  Hubert Jäger, und Franziska, Maria Lieven und Mülfarth Therese, Peter und Hubert Spengler, Willi Heidelberg.
    Nachmittags: Hubert Jäger, Edmund Keutmann, Hubert und Peter Spengler, Franz Rainer Herbergs, Karl Heinz Eickmanns, Helene Deuser.
  1. Am 26.9. morgens Willi und Hubert Heidelberg, Hermann Küppers, Max und Peter Josef Krauthausen, Friedel Meyers.
    Nachmittags: Franz Rainer Herbergs, Franz Josef Nöthlings, Heinz Eickmanns, Hermann Küppers, Adolf Meyers, Willi und Hubert Heidelberg, Max und Peter Josef Krauthausen, Hubert, Peter und Franz Spengler, Edmund Keutmann, Therese Mülfarth, Hubertine Keutmann, die Kinder von…., Josef und Friedel Meyers.
  1. Am 27.9. morgens: Heinz Eickmanns, Friedel von Berg, Hubert Jäger, Hubert und Peter Spengler
    Nachmittags: Peter, Hubert und Franz Spengler, Friedel von Berg, Anni Breuer u.a.m.
  1. Am 28.9. morgens: Hermann Josef Küppers,
    nachmittags Hubert, Peter und Franz Spengler.

In dieser Form erfolgt die Dokumentation der Arbeiten in der Pfarrchronik über viele Monate hinweg.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Der Zustand der Gebäude Ende Oktober 1945: 

Den Soldatenfriedhof hat mittlerweile Friedrich Weitz schön einheitlich umgestaltet. Eine Kollekte dafür brachte über 100,- RM ein. Nun ist der Kirchhof in Ordnung, bis auf einige Granatlöcher u. 6 große Mauerlöcher u. die Torpfeiler zur Straße. Die Mauer an den Privatgräbern von Meer und Schreys sind weg. Die abgeklopften Steine sind an der Kirche vom halbschräg zerstörten Turm, dessen Helm ganz fehlt, und an einer Gartenmauer aufgeschichtet.

Auf dem Ehrenfriedhof liegen 8 SS-Männer begraben, zu ihnen kommen noch 3 Soldaten der Wehrmacht. die man mit Absicht nicht zu der SS legte, die wir aber vom Zivilfriedhof zu ihnen und den 7 Weltkriegsgefallenen (1914/18) umbetten, sobald die Erlaubnis des Gesundheitsamtes da ist.

In meinem Garten, der jetzt auch durch Lenzen und meine Schwester größtenteils in Ordnung ist, waren viele Granatlöcher. Gleichfalls auf der Bleichwiese. Dort und in der Wiese sind viele Bäume hin. Von meiner Waschküche stehen nur noch 3 Mauern fest. Das Dach fehlt. In meinem Haus, wo nun seit einem Jahr das Dach beschädigt ist, bzw. zu einem Drittel ohne Ziegel, waren drei größere Löcher, die unser Maurer Gerhard Schmitz zumauerte. Die Decken sind fast ganz herunter, so dass nur noch das Vereinszimmer bewohnbar ist. Alle meine Stallungen sind hin, da der Kohlenstall eingefallen ist und kein Ziegel mehr auf dem Dach ist.

Der Kirchturm wurde durch Granaten umgeschossen. Die Sakristei ist mit einem großen Loch auf der Südseite noch heil. In der Vikarie ist das Vereinszimmer und das darüberliegende Zimmer hin, dazu zwei Wände fehlen und ein Viertel vom Dach. Ansonsten hat sie große Löcher in den Mauern. Alle Paramente der Kirche hatte ich mit der Hilfsorganistin Maria Mülfarth  am Donnerstag und Freitag der Räumung geborgen, sodass wir daran keinen Mangel haben.

Notkirche in der Schule

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| Glocke im Baum begrüsst Pfarrer Reiners |

Der große Schulraum dient bis 1949 als Notkirche.

Pfarrer Reiners berichtet im Verkündigungsbuch:

Im Juli kehrte Pfr. Schmitt wieder u. ich, feierlich durch die Glocke bei Mühlfarts in der Wiese begrüßt durch halbstündiges Läuten am 2. Sept 1945.

Die ersten Wochen ließ ich Pfr. Schmitt die von ihm angenommenen Hl. Messen verkündigen u. halten.

Am 16.9., dem 17. Sonntag nach Pfingsten verkündigte ich zum ersten Mal….
(wieder die Hl. Messe)

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – Die Einrichtung der Notkirche im Oktober 1945: 

Als Notkirche dient der Raum für die Oberklasse in der Schule. Ein Fronleichnamsaltar ist nun Schulaltar. Die Schule hat keinen größeren Schaden. Der Raum bekam nun allmählich wieder ein Fenster nach dem anderen, wurde ausgeflickt und verputzt und erhielt endlich eine Tür. Ein Harmonium, gespielt von Maria Mülfarth, ab und zu von Hubert Mülfarth, ersetzt die Orgel. Allmählich kommt ein gesangliches Stück der Messe nach dem anderen. Eine Witwe Kochs aus Mönchengladbach lieh uns für einige Jahre ein Harmonium, das dann in meinen Besitz übergehen soll. Hubert Völker holte es kostenlos mit seinem Wägelchen Anfang Dezember herüber. Wir stellten dann auf den Altar zur Ostseite der Schule aus mehr von praktischen, nicht ästhetischen Gründen. Das bewährte sich gut, Männer und Frauen  sind jetzt getrennt und verteilen sich besser, die Kinder stehen vor dem Altar. Die alten Leute sitzen mit dem Gesicht zum Altar seitlich. In einer Fensternische setzten wir das Krippchen, das Harmonium unten rechts auf Balken und einem Podium. Mein Dürerbild der Geburt Christi schmückte den Hintergrund des Altars.

4. März 1946: Da unser heiliger Josef kaputt ist, so steht in der Notkirche auf einem Rollschränkchen der Lehrerin eine ca. 25 cm große Statue von Mülfarth aus Hasselsweiler. Als Blumen haben wir bloß Schneeglöckchen. Kerzen müssen gestiftet werden.

15. April 1946 (vor Ostern)
Mittags war Keuter (sein Vater ist hier gebürtig) da (aus Eschweiler) mit seinem Gesellen, um die Notkirche zu tünchen und anzustreichen. Josef Blaesen und Viktor Vanderbiesen halfen ihnen und Hubert Mülfarth. Die Wände erhielten blaue Leisten in den Ecken, die Fenster Umrahmungen. Der Sockel ist hellblau gehalten, die Bodenleisten braunrot. Das Kamingesims ist dunkelrötlich gehalten mit einem Halbkreis an der Decke. Darin sind oben große goldene Sterne und das und daneben α und Ω in Rot. Schade nur, dass der Herbergs nicht das letzte Fenster machte und die Tür. Der Fußboden erhielt einen Ölanstrich, dito das Podium, worauf das Harmonium steht. Der Altar wurde ebenso gestrichen in blau (Podium) und weiß (Aufbau). Grete und Agnes Reitz, Christian Jäger, Katharina und Christian Lorenz und G. Nießen putzten die Kirche. Sibilla Roeben und Bärbchen Mülfarth putzen Kupfer, Messing und anderes mehr. Der Beichtstuhl wurde durch Ringe in eiserner Stange verbessert.  Das Harmonium wurde bezgl. der zwei Löcher in der Hinterwand geflickt.
Die Tür des Tabernakels wurde nochmals abgefeilt, es selbst angestrichen und je zwei Haken seitlich an den Wänden angebracht, zum Aufhängen von Fahnen.
Ein Arbeiter schlief im Pastorat, einer im Vorratsraum von Frau von Meer. In Kost waren sie bei Frau von Meer, bei Froitzheim, bei Peter Bergrath und bei Mülfarth. Nun ist die Notkirche sehr schön.

Die Überreste der Altäre und der Kommunionbank wurde zum ortsansässigen Schreiner Josef Herbergs gebracht und dort wieder aufgerichtet.

Die im Turm verbliebene kleine durch Granatbeschuss schwer beschädigte Glocke wird bei Familie Mühlfahrt an der höchsten Stelle im Ort in einem Birnbaum angebracht und versieht dort ihren Dienst.

Aufruf zur Evakuierung

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| Hottorf pickepacke voll mit Soldaten |

Immer mehr Einwohner fliehen aus Hottorf.
Nach dem ersten Granatbeschuss des Dorfes am 14. Oktober sind nun alle zum Verlassen der Dorfes aufgefordert. Während die ersten Familien sofort am 15. Oktober aufbrechen, treten die letzten Ende Ende November die Flucht an (siehe Beitrag: Messgewänder auf der Flucht) . 

Schon seit Sommer 1944  hatte das Militär das alleinige Sagen in Hottorf. Unter anderem wurden mehr als 10 Feldküchen für die Versorgung der Front im Dorf betrieben. 

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners: 

Eine Änderung kam am Samstag, den 14. Oktober, als Artilleriebeschuss die Straße Gevenich-Hottorf-Müntzerweg abtastete. Tags vorher waren fünf Salven auf die Bunkerlinie der Gevenicher Straße abgegeben worden. Von da an kamen viele Nächte Artillerieschüsse über Hottorf zum Teil bis Titz. Ängstliche, fast die Hälfte Hottorfs schlief von da ab im Keller. In dieser Zeit war fast andauernd Fliegeralarm, da fast immer feindliche Flieger kreisten. Manchmal wurde der Gottesdienst viel später begonnen oder nachmittags nachgehalten.

Ab 15. Oktober brauchte man sich wegen der Frontnähe nicht mehr um Alarm zu kümmern. Seit dieser Zeit war auch das Bürgermeisteramt Körrenzig nach Hottorf verlegt im Haus Schmitz Hausnr. 25 und die Amtskasse war bei Krauthausen Nr. 62

Von der Ortsgruppenleitung – die Zivilverwaltung hatte nichts mehr zu sagen; schon seit dem 20. Juli nicht mehr – wurde die Bevölkerung aufgefordert, freiwillig sich evakuieren zu lassen.

Mindestens 12-15 Küchen lagen in Hottorf, die die Front zum Teil bis Brachelen versorgten. Diese brachten auch die Toten mit, die sie nach Lövenich zum Ehrenfriedhof brachten, die Verwundeten kamen nach Müntz zum Hauptverbandsplatz im Kloster. Manchmal kamen auch gefangene Amerikaner die Heerbahn in Trupps zu 15-20, oft ohne Kopfbedeckung, gezogen, um nach Müntz zur Gendarmerie gebracht zu werden.

Allmählich war unser kleines Hottorf pickepacke voll mit Soldaten der Wehrmacht und der SS, von Schanzern, Ausländern, Flüchtlingen, Polizisten, politischen Leitern und Eingesessenen.

Erste Deutsche Einquartierung

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| Schanzer bestimmen das Ortsbild |

Ab dem September wurden in allen Häusern von Hottorf Soldaten einquartiert. Hinzu kamen dann etwa 500 Zivilisten zum „Schanzen“ also zum Graben von Panzergräben, Laufgräben und Deckungslöcher – mit Hand und Spaten. Flüchtlinge aus dem Bereich zwischen Aachen und Rur zogen durch den Ort und suchten nach Unterschlupf und Nahrung.

Ab Mitte September kamen Gerichtsbeamte aus Siegburg als die ersten Schanzer. Ihnen folgten Handwerker aus Köln. Mitte Oktober wurden Hitlerjungen aus Köln geschickt, die nach den Granateneinschlägen direkt wieder zurückgeholt wurden. Aus weiteren Gegenden kamen immer mehr Schanzer nach Hottorf, darunter NS-Liniengetreue oder auch Männer aus dem Elsass, russische Frauen und natürlich wurden auch die Hottorfer Männer zum Schanzen herangezogen.

Die Lehrin Garzweiler berichtet sehr ausführlich von den Schanzern, die in der Schule untergebracht waren (siehe Beitrag: Lehrerin Gatzweiler verlässt Hottorf nach Rückkehr aus Evakuierung). Weiter unten in diesem Beitrag beschreibt Pfarrer Reiner die Einquartierungen von Soldaten und  Schanzern  in seiner Chronik.

Die Amerikanische Armee erstellte detaillierte Karten über Minenfelder und Gräben (siehe unten). Um Hottorf herum werden im Herbst 1944 in Richtung Westen (Richtung Rur) allein drei Reihen von Panzergräben gezogen. Diese führten später zu Verlusten von amerikanischen Panzern, konnten den Vormarsch aber nicht ernsthaft aufhalten. 

Verteidigungsanlagen östlich der Rur. Die Bunker und Maschinengewehrstände gehörten zur sekundären Siegfriedlinie. Die meisten Gräben, Minenfelder und tausende Fuchslöcher (nicht im Skizzenplan dargestellt) wurden in den Wintermonaten angelegt und bildeten eine Verteidigung, die nur durch enge Artillerie-Infanterie-Koordination durchbrochen werden konnte.

Amerikanische Luftaufnahme von Hottorf am  18.11.1944 zeigt Panzergräben am unteren und rechten Bildrand.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners: 

Gegen Ende August brach die deutsche Front in Frankreich zusammen. Die Alliierten rückten zum Teil 70 Kilometer vor. Wir hier in Hottorf, die wir zum allergrößten Teil schon lange nicht mehr an einen deutschen Sieg glaubten, und aus religiösen Gründen die Nazis herzlich satt waren, erwarteten die Gegner als Befreier.

September 1944

  1. Anfang September verlas ich das Evangelium vom 14. Sonntag nach Pfingsten, worin es heißt: Sorget nicht ängstlich. Ich sprach dazu und dachte, am Dienstagabend haben wir es überstanden!
    Anfang September kam als erste deutsche Einquartierung eine Gruppe Sanitäter von Brüssel. 
  1. Am 4. September mussten als Deutschlands letztes Aufgebot schulentlassene Burschen nach Palenberg-Merkstein und in der Eifel (Reifferscheid) schanzen, um den Westwall noch mehr zu befestigen. Das Kommen der Feinde verzögerte sich.
    Ab 4. September mussten auch hier Panzergräben und Laufgräben und Deckungslöcher gegraben werden. Neue Einquartierung, und zwar in Wien aufgestellte Volksgrenadiere. Mittlerweile kam die Front näher. Bei Stolberg wurde hart gekämpft. Die Fenster in der Kirche zittern andauernd. Flakbatterien kamen. Leider hielt der Westwall stand. Wären die Gegner doch nur sofort durchgestoßen, uns wäre viel Leid erspart geblieben. Schon Ende August hatten alle Leute sich Sachen in der Erde vergraben.
    Am 4. September wurden plötzlich alle Ausländer weggeholt und Richtung Köln in Bewegung gesetzt. Am folgenden Tag kamen sie wieder. Auch aus den Grenzgebieten kamen sie in großen Zügen an, zogen über die Heerbahn zum Rhein hin. Am 4. September kam die Front zum Stehen und diese Ausländer zurück. Allmählich kamen dieselbe Straße mehr und mehr Flüchtlinge. Als auswärtige Schanzer waren Mitte September Siegburger und Troisdorfer hier, sehr anständige und meist gebildete Herren.

  1. Am 17. September war ein außerordentlicher Geburtstag unter Kanonendonner und Tieffliegerschießen. 
    Mitte September ging Pastor Schmidt nach Arensberg. Kein Mensch arbeitete noch auf dem Feld. Aber wie sich alles so hinzog, fing man doch allmählich wieder an, zuerst mit dem notwendigsten, dann mit der Saatbestellung. Viele Tiefflieger kreisten, aber einzelnen Personen taten sie nichts. Viele Bomben fielen tagtäglich auf Bahnstrecken und Landstraßen. Immer mehr füllte sich das Dorf mit Flüchtlingen aus den Grenzdörfern, so dass fast mehr Flüchtlinge als Hottorfer hier waren. Dazu kamen etwa 200 Soldaten.
    Die Messen wurden werktags immer mehr besucht, der Kommunionempfang stieg immer mehr.
    Um den 15. September erschien Rektor Schroeder von Palenberg, der bis zum 19. November hier blieb. Er hoffte von Tag zu Tag zurückkehren zu können. Am Anfang ist er noch zwei bis drei Mal dahin zurückgefahren. Einmal hat er mehrere Stunden dort wegen Beschuss in der Kirche gesessen. Ganz langsam kam die Front näher.
    Seit Anfang September hatten wir jeden Abend Andacht, manchmal mit Segen, manchmal bloß Rosenkranz. Mehrere Male hatten wir feierliche Hochämter.
    Ab 17. September hielt ich sonntags Abends 7 Uhr eine dritte heilige Messe, in der zuletzt nur Soldaten dienten. Es fiel direkt auf, wie andächtig die Soldaten zuhörten. Ein Soldat spielte anstatt des immer mehr erblindenden Anton Lieven die Orgel, ab und zu auch Rektor Schroeder. Sehr oft hat er Beichtgelegenheit gegeben. Im Oktober hatten wir jeden Abend Rosenkranzandacht.

  1. Ende September bekam ich von Prummern Familie Pelzer als Einquartierung. Sechs Mann, dazu tagsüber vier der Familie Helden. Sie schliefen, wie die meisten in Hottorf auf Betten auf der Erde. Als Fliegergeschädigte hatte ich die halbtaube Lina Langohr aus Aachen schon seit Mai bei mir. Im Oktober kam Frau Tillmanns von Lieck, die Schwiegermutter meiner Schwester, noch dazu. Endlich noch aus Eschweiler Tante und Onkel aus Übach, Wilhelm Cremer mit Frau. Einquartierung hatte ich dadurch keine mehr. Nur die Leiterin der Nähstube der Kölner Westwallarbeiter musste bei uns schlafen.

Oktober 1944

  • Ende September bis Mitte Oktober hatte sich das Leben in Hottorf stabilisiert. Militär und Zivil und Flüchtlinge hatten sich aneinander gewöhnt. Alle Feld- und Hausarbeiten wurden wieder verrichtet.
    Wenn nicht die Flüchtlinge täglich gekommen wären, bzw. vorbeigezogen wären, die Flieger nicht gewesen und das Grollen der Front, man hätte sich daran gewöhnen können. Alle männlichen Einwohner Hottorfs – nur nicht Melker – mussten im September und Oktober Schanzarbeiten verrichten. Einmal wurde je ein Spaten aus jeder Familie requiriert. Viele verstanden es aber, sich zu drücken. Die Bauern mussten viele Sonntage Kriegsmaterial mit ihrer Karre fahren. Von den Grenzdörfern wurde viel Vieh – 20.000 Stück Herdbuchvieh – hier durchgetrieben. – Frontbedarf.
    Maul- und Klauenseuche brach aus. Um diese Zeit musste an einem Sonntag jede vierte Kuh aus Hottorf nach Linnich getrieben werden. Auch einige Pferde mussten ans Militär abgeliefert werden. Im Übrigen hatten wir hier sehr fettige Monate, da viel geschlachtete wurde.
  1. Eine Änderung kam am Samstag, den 14. Oktober, als Artilleriebeschuss die Straße Gevenich-Hottorf-Müntzerweg abtastete. Drei Hitlerjungen wurden verletzt, zwei sollen davon gestorben sein und ein Soldat blieb tot. Dazu zwei Pferde von Vaehsen am Müntzerweg, eine Kuh von Frau Esser, ein Fohlen von Gerwin Schmitz, Deuser Nikolaus Scheune brannte, Josef Lievens Haus (Hausnr. 9 – direkt gegegenüber der Kirche) wurde getroffen, Esser Hausnr. 3 Hof, bei At. Mütz (Hausnr. 41) wurde ……..getroffen und bei Schmitz Wilhelm (Hausnr. 48) die Scheune. Ich kam gerade von Grefrath oder Kleinenbroich zurück, wohin ich persönlich Sachen gebracht hatte, daraufhin ließen sich evakuieren die Milchverkäuferin Frau Gertrud Schiffer (Hausnr. 23), Ana Schiffer (Hausnr. 26), Familie Wilhelm Schmitz (Hausnr. 98), Peter Schiffer, August Brack.
    Nachzutragen wäre, dass drei Tage vorher Hitlerjugend aus dem Siegkreis von Tetz nach hier verlegt wurde, die infolge des Beschusses querfeldein abrückte. Tags vorher waren fünf Salven auf die Bunkerlinie der Gevenicher Straße ab-gegeben worden. Von da an kamen viele Nächte Artillerieschüsse über Hottorf zum Teil bis Titz. Ängstliche, fast die Hälfte Hottorfs schlief von da ab im Keller. In dieser Zeit war fast andauernd Fliegeralarm, da fast immer feindliche Flieger kreisten. Manchmal wurde der Gottesdienst viel später begonnen oder nachmittags nachgehalten.

  1. Ab 15. Oktober brauchte man sich wegen der Frontnähe nicht mehr um Alarm zu kümmern. Seit dieser Zeit war auch das Bürgermeisteramt Körrenzig nach Hottorf verlegt im Haus Schmitz Hausnr. 25 und die Amtskasse war bei Krau-thausen Nr. 62. Als Ersatz für die Hitlerjugend kamen ca. 500 Kölner, die in Massenquartieren in der Schule, im Saal von Mütz und Scheunen lagen. Als Führung hatten sie politische Leiter. Ein Schanzer schrieb später nochmals, ein Oberzollinspektor Peter Mai.
    Der Brief aus Dezember 1945 befindet sich im Beitrag „Geflüchtete kehren zurück„.
    Diese politischen Leiter wurden später, Anfang November abgelöst, weil sie Unterschlagungen an Esswaren für die eigenen Leute begangen hatten. Damals begann man die Flüchtlinge langsam herauszudrücken. Nur vereinzelte gingen. Von der Ortsgruppenleitung – die Zivilverwaltung hatte nichts mehr zu sagen; schon seit dem 20. Juli nicht mehr – wurde die Bevölkerung aufgefordert, freiwillig sich evakuieren zu lassen. Seit Anfang Oktober waren alle männlichen Personen von 16 – 55 Jahren im Volkssturm zusammengefasst. Zum Schanzen wurden alle Männer bis 65 Jahre erfasst. Der Volkssturm baute am Sonntagmorgen Panzersperren.
    Das Christkönigsfest feierten wir noch in gewohnter Weise. Für alle Kinder begann der Erstbeichtunterricht in der Vikarie.

November 1944

  1. Allerheiligen störten Tiefflieger, die Bomben einen Kilometer entfernt bei den Bunkern zwischen Gevenich warfen, den meisten Leuten des Zuhörens bei der Predigt. Wir zogen kurz noch auf die Gräber.

  1. Am 7. November beerdigten wir Theodor Koch aus Ederen. Der Pastor Plum aus Ederen erschien persönlich aus Mersch. Die Front war damals bei Lindern-Gereonsweiler-Ederen-Bourheim

    Für die abgerückten Kölner Schanzern kamen Ausländer, Frauen und Männer mit Berliner politischen Leitern, um Ordnung zu schaffen, „extra von Dr. Goebbels geschickt!“ 

Als Beispiel, wie sich Partei und Wehrmacht oft gegeneinander stellten, diene folgendes: Ein SS-Feldwebel, der die Ortskommandatur vertrat, – Ortskommandant war ein Oberleutnant, der bei von Meer in Quartier, seit dem die Artillerie Anfang September nach hier kam, ging die Häuser nach, um Massenquartiere zu schaffen. Er geriet im Haus des P. Bergrath, wo der Führer Pelzer der Fünfhundertschaft Schanzarbeiter in Quartier war, mit diesem Pelzer aneinander. Pelzer lag im Bett, es war halb zwölf nachts. Da wollte dieser SS-Wachtmeister die Räume des ganzen Hauses beschlagnahmen. Der Hauseigentümer machte darauf aufmerksam, dass alle Räume von der Fünfhundertschaft in Beschlag genommen seien. Der SS-Kerl wollte ins Zimmer des Pelzer, das abgeschlossen war. Nach wiederholter Aufforderung, das Zimmer zu öffnen, bekam er von Pelzer die Antwort, die Zimmer seien von ihm belegt. Der SS-Kerl trat darauf mit dem Stiefel die Tür ein. Pelzer sprang aus dem Bett und griff zu seinem Dienstrevolver. Ebenso zückte der SS-Feldwebel den Revolver. So standen sie gegeneinander. Bergrath trat vermittelnd dazwischen und bat, nicht zu schießen. Sie ließen die Waffen sinken und Pelzer fragte den SS-Kerl nach seinem Namen und Truppenteil. Erst nach zweimaligem  Fragen und nachdem Pelzer gesagt hatte: Er kenne doch die Bestimmungen, wer die Oberhand habe, gab der Feldwebel Namen und Truppenteil an. Da verzog er sich und keine Einquartierung kam.

Daraus ist klar zu ersehen, „dass die Partei den Krieg führte“. So hatte das  ja schon am 4. September der Amtsbürgermeister PG Reiner Pickartz  auf der Körrenziger Rurbrücke gesagt. Und „es wird nicht mehr gesäet. Schanzen geht vor. Wir haben zu bestimmen.“

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