Auf diese Frage in Nr. 24 der Rur-Blumen erhalten wir folgende Antwort, welche wir nachfolgend im Wortlaut wiedergeben. Die Schriftleitung.
Woher stammen die Gruben im Hottorfer Feld? So lautete die Frage und mutmaßliche Antwort darauf in den
Rur-Blumen am 17. Juni 1030, zu deren Stellungnahme die Schriftleitung ihre Leser auffordert. Ich will diesem Wunsche nachkommen.
Die ersten beiden Ansichten bezgl. der geschilderten Gruben und ihrer Entstehung gehören samt und sonders in das Reich der Märchenwelt und einer kindlich überspannten Phantasie, und es verlohnt sich tatsächlich nicht, auf diesen Unsinn einzugehen und hierfür Druckschwärze und Papier zu vergeuden. Aber ebenso bestimmt und sicher trifft die 3. Ansicht zu, daß es sich nämlich um sog. Mergelgruben handelt, die von einem rührseligen Heimatforscher vielleicht bei Nacht und Nebel als etwas ganz Absonderliches entdeckt wurden. Aber dies ist ja eine eigene Angelegenheit, die jedem Tierchen sein Pläsierchen lassen soll.
Jeder ältere Bauer, der im letzten Haarwechsel steht, erinnert sich noch an die Zeit, wo man den Mergel seines hohen Gehalts an kohlensaurem Kalk wegen sehr schätzte und ihn deshalb an Ort und Stelle grub, wo er sich befand und verwendet werden sollte. Selbstverständlich ist dieses Naturprodukt anorganischer Bestandteile nicht in allen Gegenden so stark und so hochwertig abgelagert, daß sich der Abbau des Mergels auch lohnte. Je nach Beimischung mit Sand, Ton etc. unterscheidet man hoch- und minderwertigen Mergel. Den größten Kalkgehalt besitzt augenscheinlich der Mergel, worin man die sog. Mergelmännchen vorfindet. Es sind dies weiße längliche Kalkstückchen in der Form und Größe etwa eines Kokons (Puppe) der Seidenraupe. Und weil der Mergel ebensowenig wie auch Torf, Kohle, Erze, Sand, sich nicht überall vorfindet, deshalb schon treffen wir logischerweise auch nicht in allen Gemeinden und Landstrichen solche eingefallenen oder eingeebneten Mergelgruben an, wie das in Hottorf der Fall ist. Es braucht auch nicht jede frühere Schindsgrube oder alle Patschgrübe deshalb schon ein Römergrab zu sein, wenn auch von Kindskindern dort grobe Knochen und alte Tonscherben gefunden werden. Generell bezeichnet man einen Boden, wo sich Lehm und Mergel im Gemisch vorfindet, als Lößboden, der bekanntlich sehr fruchtbar ist. Der Lehm, als weniger kalkreich, ist von rotbrauner Farbe, während der Mergel kalthaltig und hellgelb ist. Die Schichtung von Lehm und Mergel ist sehr verschieden, und deshalb mußte sich die Gewinnung des letzteren auch der örtlichen Lagerung anpassen ähnlich wie bei Torf und Kohle, im Tagebau oder Schachtförderung. Landläufig spricht man von Mergelköpfen, wo im Laufe der Zeit der oberschichtige Lehm durch starke Niederschläge und Schneewasser abgewaschen wurde. Dort tritt vielfach der Mergel beim Pflügen schon zu Tage. An solchen Stellen vollzog sich natürlich der einfachste und billigste Abbau durch Abgraben und Abfahren des Mergels zu der nächsten Verwendungsstelle. Und hierbei entstanden dann die vorgefundenen Gruben von 30—10 Meter Durchmesser, die nunmehr, nach vielleicht einem Menschenalter, schon zu den bedenklichsten Phantastereien aus der Urzeit, zwar irrtümlich, Anlaß boten. Nun liegt aber nicht überall im Flachland der früher so begehrenswerte Mergel so flachgründig, sondern er liegt unter einer mehr oder weniger hohen Lehmschicht, oft 3, 4 und mehr Meter lief in der Erde. Hier war man zu Großvaters Zeil noch gezwungen Mergel „auszupötzen“, d. h. es musste erst ein Schacht senkrecht in die Erde getrieben werden, wie beim Brunnenbau oder beim „Sandgziehen“, ehe man auf den Mergel stieß. Bis in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde im Winter, wenn die Maurer ihrem Beruf nicht mehr nachgehen konnten, im Akkord Mergel gepötzt ober gezogen. Einer füllt mit einem kurzstieligen Spaten im Pötz den Korb, während oben zwei Männer den anderen aufgepötzten Korb entleerten. Die benutze Seilwinde mußte schon recht stabil sein, weil so ein Korb Mergel recht schwer war. Um die Abraumarbeiten zu ersparen und die Ergiebigkeit an Mergel für einen größeren Bedarf voll auszunutzen, wurden sog. Querstollen seitlich in die Erde getrieben. Man konnte dies ohne Gefahr des Einstürzens, weil der Mergel bekanntlich stand, … (hier fehlt eine Zeile in der Kopie) …
gepötzt als unlohnend oder voll ausgebeutet aufgegeben, dann wurden die Querstollen des Schachtes mit den zur Zeit der häufigen Waldrodungen reichlich vorhandenen Baumstämmen, auch mit Schanzen oder Abfallholz, abgeriegelt und der Einsteigeschacht mit dem abgeräumten Lehm und sonstigen verfügbaren Erdmassen wieder zugeschüttet. Im Laufe der Zeit verfaulte das verwendete Holz in der Erde, und das meist reichliche Winterwasser spülte die lockere, eingefüllte Erde in die offen gebliebenen Querstollen, sodaß sich in den früheren Schächten größere Hohlräume bildeten und bei stärkerem Druck auf die Oberfläche schließlich nachgaben und einstürzten. So bestand die Gefahr, daß nach Verlauf von Generationen, wenn niemand mehr an das Vorhandensein der Mergelpötze dachte, oder die betreffende Parzelle den Besitzer gewechselt hatte, plötzlich Pferde und Pflug in die Tiefe einsanken, die
dann mit Mühe und Not ausgegraben werden mußten oder auch schon mal zu Schaden kamen. Solche nicht wünschens-
werten Vorkommnisse sind aber nicht nur im Kreise Jülich, sondern auch auf der Gilbach seit Jahren bekannt geworden. So war Schreiber dieser Zeilen vor einigen Jähren Augenzeuge, wie beim Getreidemähen mit einem Traktor ein merkwürdiges Loch im Boden entstand, von der ungefähren Größe eines Pferdetrittes. Beim näheren Zustehen löste sich durch leichtes Nachstoßen mit dem Stock der Boden in einer Rundung von 1,5 Meter und polterte etwa 3 Meter in die unheimliche Tiefe. Hätte der Traktor mit dem Selbstbinder zum 2. Mal dieselbe Stelle passiert, so wäre ein unabsehbares Unglück geschehen. Solche Bodensenkungen sehen einem Granattrichter sehr ähnlich und müssen wiederholt zugefüllt werden, weil die alten seitlichen Querstollen nicht so leicht vollgestopft werden können und man dies am zweckmäßigsten mit Wasserspülung erreichen kann. Mit der Verwendung des gebrannten Stückkalkes und des neuzeitlichen, hochprozentigen Sackkalkes ist der Mergel jetzt ausgeschaltet worden, und mit dem Verschwinden und Vergessen der sagenhaften Mergelgruben gehört auch sehr bald diese letzte idyllische Romantik des Flachlandes der Vergessenheit an.