Die Nachkriegsjugend und das Tanzen

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| Tanzkurs im Saal Mütz |

Die Nachkriegsjugend lernt das Tanzen. In Hottorf finden Tanzkurse statt, so dass zeitweise jeden Abend in der Woche im Saal geübt wird. Tanzleher ist Nikolaus Edlinger. Am Wochenende bieten Mai- und Kirmesfeste reichlich Gelegenheit zum Tanz – nicht nur in Hottorf, sondern auch in den benachbarten Orten.

Ortspfarrer Reiners findet am Tanzen – in der Nachbetrachtung seiner Chronik – überhaupt kein Gefallen. Es fällt ihm schwer zu akzeptieren, dass die Jugend sich nach dem Krieg wieder amüsieren will, solange sich noch Hottorfer Soldaten in Krieggefangenschaft befinden. Die Dokumentation seines Mißfallens gibt einen guten Überblick zu den Festen, an denen getanzt wurde – wie z.B. an St. Martin.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners – „Unzeitgemäßes“ Tanzen: 

März 1946

  1. Er schlug wohl ein. Ich sprach auch gegen das unzeitgemäße Tanzen und das geradezu mordhafte Schnapsbrennen.

April 1946

  1. (Osterdienstag) Zur gleichen Zeit fanden sich im Mütz’schen Saale, den die Mädchen am Ostersonntag gereinigt hatten, ca. 150 Mädchen von hier, Ralshoven, Müntz und Kofferen ein, die bei Nikolaus Edlinger tanzen lernen wollen. 20,- RM für jede macht 3000,- RM. Feines Verdienst. Die besseren Mädchen nehmen nicht teil. Bis 1. Mai ist jeden Abend um 9 hr Tanzkursus, dann dienstags und freitags, drei Monate lang. Die Jugend vergisst die Not der Zeit und dass die Soldaten noch nicht zu Hause sind. Augenlust und Hoffahrt des Lebens und das Ende ist Fleischeslust.

Mai 1946

  1. Kirmessonntag: Im Saal von Mütz ist gegen Verbot doch Tanz. Natürlich. Wie der doch die Jugend anzieht und religiöse Werte fast nichts sind.

  1. Kinderbelustigung: Leider war als Abschluss wieder Tanz. Das vierte mal in diesem Monat. Verrückt. Leider gingen auch solche hin, von denen ich es nicht erwartet hatte.

  1. Den Hottorfern machte einen Strich durch die Rechnung des Gehens nach Gevenich zum Tanz und zur Kirmes. Jeden Sonntag irgendwo Tanz.

Juni 1946

  1. Heute wurde Edlinger veranlasst, den Mittelball des Tanzkränzchens schon morgen und nicht erst Samstag wegen der Beichtgelegenheit am Samstag zu halten. ….. hätte ich noch die 120,- RM für die Musik bezahlt. Er musste nun in die umliegenden Dörfer und alles umbestellen. Das war fein von ihm.
  1. Nachmittags nur Mittelball. Doch zwei Polizisten erschienen und verboten das Tanzen. Nur Klavierspielen sei gestattet. 30-40 Kuchen und Torten waren da, sie entgingen der Beschlagnahme, doch die Polizisten begingen den Fehler, dass sie mitaßen. Edlinger hatte nicht die vorgeschriebene Erlaubnis eine geschlossene Gesellschaft war es auch nicht, da er Karten zu 2,- RM verkauft hatte. Abends sprangen die Ralshovener mit Erlaubnis von Titz ein, sodass die Musik spielen konnte.

  1. Der Hof (von Meer) und der Kirchenvorstand soll ihnen die Polizei auf den Hals gehetzt haben. …. Hetzer, die die Mädchen und mit ihnen die Jugend dagegen aufhetzen. Frau von Meer wusch ihnen den Kopf. Frau Edlinger fuhr nach Jülich, um beim Kommandanten Tanzerlaubnis zu beantragen. Sie soll sie in 10 Tagen bekommen. „dann würde noch mehr getanzt und alles nachgeholt!“.
  1. Um zwei Uhr waren wohl alle Jungen und Mädchen da, um in Müntz an der Feier der Jugend teilzunehmen. Pfr. Duster predigte gut, aber etwas lang über das Thema „Einer trage des anderen Last“. Besonders hob er die Familiensorgen hervor und predigte gen die Tanzwut. In Müntz war Kirmes.
    Drei Tage Ball. Mit viel Eifer hatte die Jungend den Saal wiederhergestellt. Um die Feier einzuproben, hatten sie keine Zeit. Wohl in allen Orten ließ die Beteiligung der Jugend an der Kommunion zu wünschen übrig.

  1. Für den 23.6. ist wieder Tanz. Diesmal durch die Ralshovener. Wieder läuft die Jugend mit Ausnahme von vier Mädchen und einem Jungen restlos hin.

August 1946

  1. Nur einmal im Monat darf noch in einem Lokal Tanz sein mit Ausnahme eines zweiten Kirmestages .

September 1946

  1. Morgen ist schon wieder gegen die Bestimmung Ball der Ralshovener. Außer dort ist in Müntz und Kofferen Kirmes.

Oktober 1946

  1. Ein neuer Tanzkursus durch Edlinger soll begonnen haben: Pro Abend 50 Pfennig.

November 1946

  1. Ein Martinszug findet nicht statt, da er keine Genehmigung hat. Dafür ist Martins-Ball. Mal wieder. Die Jugend sackt immer mehr ab.

Dezember 1946

  1. Dem Sportverein ist sein Tanzen zu Weihnachten verboten worden.; nur Theater und ruhige Feiern sind da gestattet. Einige schoben mir das in die Schuhe.

Februar 1947

  1. Ich sprach über das Tanzen als Seelsorger. Ob es Erfolg hat?

Mai 1947

  1. Der Maizug fiel aus.
    Um halb sechs kam Mülfarth und Frau und Schulte und Frau mich abholen und so besuchten wir den Tanz. Ich tat es, um die Jugend zu gewinnen. Mal schauen, ob s Erfolg hat, z. B. nächsten Sonntag bei der hl. Kommunion ist.

  1. Die Jugend tanzte ja bis 2.30 Uhr. Die Maiandacht war gut gestern besucht.

  1. Um 15.30 Uhr: Maizug und Tanz. Mittelball. Fast nichts in der Maiandacht.

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