Erste Deutsche Einquartierung

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| Schanzer bestimmen das Ortsbild |

Ab dem September wurden in allen Häusern von Hottorf Soldaten einquartiert. Hinzu kamen dann etwa 500 Zivilisten zum „Schanzen“ also zum Graben von Panzergräben, Laufgräben und Deckungslöcher – mit Hand und Spaten. Flüchtlinge aus dem Bereich zwischen Aachen und Rur zogen durch den Ort und suchten nach Unterschlupf und Nahrung.

Ab Mitte September kamen Gerichtsbeamte aus Siegburg als die ersten Schanzer. Ihnen folgten Handwerker aus Köln. Mitte Oktober wurden Hitlerjungen aus Köln geschickt, die nach den Granateneinschlägen direkt wieder zurückgeholt wurden. Aus weiteren Gegenden kamen immer mehr Schanzer nach Hottorf, darunter NS-Liniengetreue oder auch Männer aus dem Elsass, russische Frauen und natürlich wurden auch die Hottorfer Männer zum Schanzen herangezogen.

Die Lehrin Garzweiler berichtet sehr ausführlich von den Schanzern, die in der Schule untergebracht waren (siehe Beitrag: Lehrerin Gatzweiler verlässt Hottorf nach Rückkehr aus Evakuierung). Weiter unten in diesem Beitrag beschreibt Pfarrer Reiner die Einquartierungen von Soldaten und  Schanzern  in seiner Chronik.

Die Amerikanische Armee erstellte detaillierte Karten über Minenfelder und Gräben (siehe unten). Um Hottorf herum werden im Herbst 1944 in Richtung Westen (Richtung Rur) allein drei Reihen von Panzergräben gezogen. Diese führten später zu Verlusten von amerikanischen Panzern, konnten den Vormarsch aber nicht ernsthaft aufhalten. 

Verteidigungsanlagen östlich der Rur. Die Bunker und Maschinengewehrstände gehörten zur sekundären Siegfriedlinie. Die meisten Gräben, Minenfelder und tausende Fuchslöcher (nicht im Skizzenplan dargestellt) wurden in den Wintermonaten angelegt und bildeten eine Verteidigung, die nur durch enge Artillerie-Infanterie-Koordination durchbrochen werden konnte.

Aus der Pfarrchronik der Nachkriegsjahre von Pfarrer Reiners: 

Gegen Ende August brach die deutsche Front in Frankreich zusammen. Die Alliierten rückten zum Teil 70 Kilometer vor. Wir hier in Hottorf, die wir zum allergrößten Teil schon lange nicht mehr an einen deutschen Sieg glaubten, und aus religiösen Gründen die Nazis herzlich satt waren, erwarteten die Gegner als Befreier.

September 1944

  1. Anfang September verlas ich das Evangelium vom 14. Sonntag nach Pfingsten, worin es heißt: Sorget nicht ängstlich. Ich sprach dazu und dachte, am Dienstagabend haben wir es überstanden!
    Anfang September kam als erste deutsche Einquartierung eine Gruppe Sanitäter von Brüssel. 
  1. Am 4. September mussten als Deutschlands letztes Aufgebot schulentlassene Burschen nach Palenberg-Merkstein und in der Eifel (Reifferscheid) schanzen, um den Westwall noch mehr zu befestigen. Das Kommen der Feinde verzögerte sich.
    Ab 4. September mussten auch hier Panzergräben und Laufgräben und Deckungslöcher gegraben werden. Neue Einquartierung, und zwar in Wien aufgestellte Volksgrenadiere. Mittlerweile kam die Front näher. Bei Stolberg wurde hart gekämpft. Die Fenster in der Kirche zittern andauernd. Flakbatterien kamen. Leider hielt der Westwall stand. Wären die Gegner doch nur sofort durchgestoßen, uns wäre viel Leid erspart geblieben. Schon Ende August hatten alle Leute sich Sachen in der Erde vergraben.
    Am 4. September wurden plötzlich alle Ausländer weggeholt und Richtung Köln in Bewegung gesetzt. Am folgenden Tag kamen sie wieder. Auch aus den Grenzgebieten kamen sie in großen Zügen an, zogen über die Heerbahn zum Rhein hin. Am 4. September kam die Front zum Stehen und diese Ausländer zurück. Allmählich kamen dieselbe Straße mehr und mehr Flüchtlinge. Als auswärtige Schanzer waren Mitte September Siegburger und Troisdorfer hier, sehr anständige und meist gebildete Herren.

  1. Am 17. September war ein außerordentlicher Geburtstag unter Kanonendonner und Tieffliegerschießen. 
    Mitte September ging Pastor Schmidt nach Arensberg. Kein Mensch arbeitete noch auf dem Feld. Aber wie sich alles so hinzog, fing man doch allmählich wieder an, zuerst mit dem notwendigsten, dann mit der Saatbestellung. Viele Tiefflieger kreisten, aber einzelnen Personen taten sie nichts. Viele Bomben fielen tagtäglich auf Bahnstrecken und Landstraßen. Immer mehr füllte sich das Dorf mit Flüchtlingen aus den Grenzdörfern, so dass fast mehr Flüchtlinge als Hottorfer hier waren. Dazu kamen etwa 200 Soldaten.
    Die Messen wurden werktags immer mehr besucht, der Kommunionempfang stieg immer mehr.
    Um den 15. September erschien Rektor Schroeder von Palenberg, der bis zum 19. November hier blieb. Er hoffte von Tag zu Tag zurückkehren zu können. Am Anfang ist er noch zwei bis drei Mal dahin zurückgefahren. Einmal hat er mehrere Stunden dort wegen Beschuss in der Kirche gesessen. Ganz langsam kam die Front näher.
    Seit Anfang September hatten wir jeden Abend Andacht, manchmal mit Segen, manchmal bloß Rosenkranz. Mehrere Male hatten wir feierliche Hochämter.
    Ab 17. September hielt ich sonntags Abends 7 Uhr eine dritte heilige Messe, in der zuletzt nur Soldaten dienten. Es fiel direkt auf, wie andächtig die Soldaten zuhörten. Ein Soldat spielte anstatt des immer mehr erblindenden Anton Lieven die Orgel, ab und zu auch Rektor Schroeder. Sehr oft hat er Beichtgelegenheit gegeben. Im Oktober hatten wir jeden Abend Rosenkranzandacht.

  1. Ende September bekam ich von Prummern Familie Pelzer als Einquartierung. Sechs Mann, dazu tagsüber vier der Familie Helden. Sie schliefen, wie die meisten in Hottorf auf Betten auf der Erde. Als Fliegergeschädigte hatte ich die halbtaube Lina Langohr aus Aachen schon seit Mai bei mir. Im Oktober kam Frau Tillmanns von Lieck, die Schwiegermutter meiner Schwester, noch dazu. Endlich noch aus Eschweiler Tante und Onkel aus Übach, Wilhelm Cremer mit Frau. Einquartierung hatte ich dadurch keine mehr. Nur die Leiterin der Nähstube der Kölner Westwallarbeiter musste bei uns schlafen.

Oktober 1944

  • Ende September bis Mitte Oktober hatte sich das Leben in Hottorf stabilisiert. Militär und Zivil und Flüchtlinge hatten sich aneinander gewöhnt. Alle Feld- und Hausarbeiten wurden wieder verrichtet.
    Wenn nicht die Flüchtlinge täglich gekommen wären, bzw. vorbeigezogen wären, die Flieger nicht gewesen und das Grollen der Front, man hätte sich daran gewöhnen können. Alle männlichen Einwohner Hottorfs – nur nicht Melker – mussten im September und Oktober Schanzarbeiten verrichten. Einmal wurde je ein Spaten aus jeder Familie requiriert. Viele verstanden es aber, sich zu drücken. Die Bauern mussten viele Sonntage Kriegsmaterial mit ihrer Karre fahren. Von den Grenzdörfern wurde viel Vieh – 20.000 Stück Herdbuchvieh – hier durchgetrieben. – Frontbedarf.
    Maul- und Klauenseuche brach aus. Um diese Zeit musste an einem Sonntag jede vierte Kuh aus Hottorf nach Linnich getrieben werden. Auch einige Pferde mussten ans Militär abgeliefert werden. Im Übrigen hatten wir hier sehr fettige Monate, da viel geschlachtete wurde.
  1. Eine Änderung kam am Samstag, den 14. Oktober, als Artilleriebeschuss die Straße Gevenich-Hottorf-Müntzerweg abtastete. Drei Hitlerjungen wurden verletzt, zwei sollen davon gestorben sein und ein Soldat blieb tot. Dazu zwei Pferde von Vaehsen am Müntzerweg, eine Kuh von Frau Esser, ein Fohlen von Gerwin Schmitz, Deuser Nikolaus Scheune brannte, Josef Lievens Haus (Hausnr. 9 – direkt gegegenüber der Kirche) wurde getroffen, Esser Hausnr. 3 Hof, bei At. Mütz (Hausnr. 41) wurde ……..getroffen und bei Schmitz Wilhelm (Hausnr. 48) die Scheune. Ich kam gerade von Grefrath oder Kleinenbroich zurück, wohin ich persönlich Sachen gebracht hatte, daraufhin ließen sich evakuieren die Milchverkäuferin Frau Gertrud Schiffer (Hausnr. 23), Ana Schiffer (Hausnr. 26), Familie Wilhelm Schmitz (Hausnr. 98), Peter Schiffer, August Brack.
    Nachzutragen wäre, dass drei Tage vorher Hitlerjugend aus dem Siegkreis von Tetz nach hier verlegt wurde, die infolge des Beschusses querfeldein abrückte. Tags vorher waren fünf Salven auf die Bunkerlinie der Gevenicher Straße ab-gegeben worden. Von da an kamen viele Nächte Artillerieschüsse über Hottorf zum Teil bis Titz. Ängstliche, fast die Hälfte Hottorfs schlief von da ab im Keller. In dieser Zeit war fast andauernd Fliegeralarm, da fast immer feindliche Flieger kreisten. Manchmal wurde der Gottesdienst viel später begonnen oder nachmittags nachgehalten.

  1. Ab 15. Oktober brauchte man sich wegen der Frontnähe nicht mehr um Alarm zu kümmern. Seit dieser Zeit war auch das Bürgermeisteramt Körrenzig nach Hottorf verlegt im Haus Schmitz Hausnr. 25 und die Amtskasse war bei Krau-thausen Nr. 62. Als Ersatz für die Hitlerjugend kamen ca. 500 Kölner, die in Massenquartieren in der Schule, im Saal von Mütz und Scheunen lagen. Als Führung hatten sie politische Leiter. Ein Schanzer schrieb später nochmals, ein Oberzollinspektor Peter Mai.
    Der Brief aus Dezember 1945 befindet sich im Beitrag „Geflüchtete kehren zurück„.
    Diese politischen Leiter wurden später, Anfang November abgelöst, weil sie Unterschlagungen an Esswaren für die eigenen Leute begangen hatten. Damals begann man die Flüchtlinge langsam herauszudrücken. Nur vereinzelte gingen. Von der Ortsgruppenleitung – die Zivilverwaltung hatte nichts mehr zu sagen; schon seit dem 20. Juli nicht mehr – wurde die Bevölkerung aufgefordert, freiwillig sich evakuieren zu lassen. Seit Anfang Oktober waren alle männlichen Personen von 16 – 55 Jahren im Volkssturm zusammengefasst. Zum Schanzen wurden alle Männer bis 65 Jahre erfasst. Der Volkssturm baute am Sonntagmorgen Panzersperren.
    Das Christkönigsfest feierten wir noch in gewohnter Weise. Für alle Kinder begann der Erstbeichtunterricht in der Vikarie.

November 1944

  1. Allerheiligen störten Tiefflieger, die Bomben einen Kilometer entfernt bei den Bunkern zwischen Gevenich warfen, den meisten Leuten des Zuhörens bei der Predigt. Wir zogen kurz noch auf die Gräber.

  1. Am 7. November beerdigten wir Theodor Koch aus Ederen. Der Pastor Plum aus Ederen erschien persönlich aus Mersch. Die Front war damals bei Lindern-Gereonsweiler-Ederen-Bourheim

    Für die abgerückten Kölner Schanzern kamen Ausländer, Frauen und Männer mit Berliner politischen Leitern, um Ordnung zu schaffen, „extra von Dr. Goebbels geschickt!“ 

Als Beispiel, wie sich Partei und Wehrmacht oft gegeneinander stellten, diene folgendes: Ein SS-Feldwebel, der die Ortskommandatur vertrat, – Ortskommandant war ein Oberleutnant, der bei von Meer in Quartier, seit dem die Artillerie Anfang September nach hier kam, ging die Häuser nach, um Massenquartiere zu schaffen. Er geriet im Haus des P. Bergrath, wo der Führer Pelzer der Fünfhundertschaft Schanzarbeiter in Quartier war, mit diesem Pelzer aneinander. Pelzer lag im Bett, es war halb zwölf nachts. Da wollte dieser SS-Wachtmeister die Räume des ganzen Hauses beschlagnahmen. Der Hauseigentümer machte darauf aufmerksam, dass alle Räume von der Fünfhundertschaft in Beschlag genommen seien. Der SS-Kerl wollte ins Zimmer des Pelzer, das abgeschlossen war. Nach wiederholter Aufforderung, das Zimmer zu öffnen, bekam er von Pelzer die Antwort, die Zimmer seien von ihm belegt. Der SS-Kerl trat darauf mit dem Stiefel die Tür ein. Pelzer sprang aus dem Bett und griff zu seinem Dienstrevolver. Ebenso zückte der SS-Feldwebel den Revolver. So standen sie gegeneinander. Bergrath trat vermittelnd dazwischen und bat, nicht zu schießen. Sie ließen die Waffen sinken und Pelzer fragte den SS-Kerl nach seinem Namen und Truppenteil. Erst nach zweimaligem  Fragen und nachdem Pelzer gesagt hatte: Er kenne doch die Bestimmungen, wer die Oberhand habe, gab der Feldwebel Namen und Truppenteil an. Da verzog er sich und keine Einquartierung kam.

Daraus ist klar zu ersehen, „dass die Partei den Krieg führte“. So hatte das  ja schon am 4. September der Amtsbürgermeister PG Reiner Pickartz  auf der Körrenziger Rurbrücke gesagt. Und „es wird nicht mehr gesäet. Schanzen geht vor. Wir haben zu bestimmen.“

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