Mergelgruben im Feld

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| Geschichten ranken sich um die Gruben im Feld |

In den Rur-Blumen erscheint im Sommer 1939 (Jahrgang 18) eine Artikelserie zur Geschichte der Gruben zwischen Hottorf und Lövenich.

Auf den Aufruf an die Leser in der 24. Ausgabe erfolgt eine ausfühliche Stellungnahme von Josef Lützenrath vom Damianshof. In der Ausgabe 26.  Das Thema der „Mergelgruben bei Hottorf und anderswo“ führt dann zu einem weiteren Artikel in der Ausgabe 31 (siehe weiter unten).

Die Gruben sind heute zugeschüttet und nicht mehr erkennbar.  Anderenorts im Rheinland wie zum Bespiel in Pulheim sind zumindestens Hinweise darauf erhalten (siehe Foto). 

Aktuelle Luftaufnahmen von Feldern nördlich von Hottorf zeigen kreisförmige Gebilde, die durchaus auf die alten Mergelgruben hinweisen könnten.

Kreisförmige Gebilde, nördlich von Hottorf, Quelle Google Maps

Woher stammen die Gruben im Hottorfer Feld?

Zwischen Hottorf und Lövenich finden sich im flachen Feld ungefähr 80 Gruben von etwa 30—35 Meter Durchmesser und 4—6 Meter Tiefe. Es sieht aus, als ob Riesen aus grauer Vorzeit hier ein lustiges Kugelstoßen veranstaltet hätten. Früher waren die Löcher bestimmt tiefer, die Feldarbeit hat sie chon etwas eingeebnet; sicherlich sind sie künstlichen Ursprungs. Bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts wuchs in dieser Gegend noch Wald. Auch in den Gruben standen dicke Bäume, was auf ein hohes Alter der Gruben schließen läßt. Diese eigenartigen Gruben finden sich nur in diesem Teil der Hottorfer Gemarkung, an der anderen Seite des Dorfes sind sie nirgends zu finden.

Zu welcher Zeit und zu welchem Zweck hat man nun diese Löcher ausgefahren? Hierüber bestehen drei Ansichten:

Nach der ersten soll Cäsar, der bekanntlich bei seiner Eroberung Galliens auch einige Streifzüge durch unsere Gegend machte, diese Gruben ausgeworfen haben. Diese Ansicht ist wohl die unwahrscheinlichste. Die Gruben scheinen nämlich jüngeren Datums zu sein, denn ihre Böschungen sind noch ziemlich zäh abfallend. Andere meinen, die Gruben seien zur Zeit des 30-jährigen Krieges von der Bewohnern der umliegenden Dörfer angelegt worden. Hier in den Gruben im dichten Wald hätten die Bewohner vor den wilden Kriegshorden Schutz suchen wollen. Heute noch redet man von einem unterirdischen Gang, der vom Hottorfer Stift aus zu einer dieser Gruben geführt haben soll. Gegen diese Ansicht läßt sich der Einspruch erheben: „Warum so viele Gruben?“ Zwei bis drei hätten wohl genügt, die Bewohner von vier bis fünf Dörfern aufzunehmen. Am wahrscheinlichsten klingt die dritte Meinung, daß nämlich die Bauern früherer Jahrhunderte diese Gruben anlegten, um aus ihnen im Tagebau den Mergel zu gewinnen. An einigen soll noch eine langsam ansteigende Ausfahrt zu erkennen sein. (In späterer Zeit holten die Bauern den Mergel aus Schächten mit Querstollen, sogenannten Mergelspötzen, heute nimmt man statt Mergel Kalk.) Wenn die Gruben auf diese Art entstanden sind, kann man sich ihre große Zahl erklären, wenn man bedenkt, daß der Mergel jahrhundertelang auf diese Art gewonnen wurde. Unerklärlich bleibt dann nur, warum nicht auch in anderen Gemeinden solche gruben neben zu finden sind.

Wer von unseren Lesern weiß eine andere Erklärung dieser Gruben, oder wer kennt ähnliche in anderen Gemeinden?
Es wäre doch von Interesse, ein weiteres Vorkommen dieser Gruben in unserem Kreis und die Gründe zu ihrem Entstehen einmal festzustellen. Nähere Einzelheiten werden von den Rur-Blumen veröffentlicht.

aus: Rur-Blumen, Jg. 1939, Nr. 24

Auf diese Frage in Nr. 24 der Rur-Blumen erhalten wir folgende Antwort, welche wir nachfolgend im Wortlaut wiedergeben. Die Schriftleitung.

Woher stammen die Gruben im Hottorfer Feld? So lautete die Frage und mutmaßliche Antwort darauf in den
Rur-Blumen am 17. Juni 1030, zu deren Stellungnahme die Schriftleitung ihre Leser auffordert. Ich will diesem Wunsche nachkommen.

Die ersten beiden Ansichten bezgl. der geschilderten Gruben und ihrer Entstehung gehören samt und sonders in das Reich der Märchenwelt und einer kindlich überspannten Phantasie, und es verlohnt sich tatsächlich nicht, auf diesen Unsinn einzugehen und hierfür Druckschwärze und Papier zu vergeuden. Aber ebenso bestimmt und sicher trifft die 3. Ansicht zu, daß es sich nämlich um sog. Mergelgruben handelt, die von einem rührseligen Heimatforscher vielleicht bei Nacht und Nebel als etwas ganz Absonderliches entdeckt wurden. Aber dies ist ja eine eigene Angelegenheit, die jedem Tierchen sein Pläsierchen lassen soll.

Jeder ältere Bauer, der im letzten Haarwechsel steht, erinnert sich noch an die Zeit, wo man den Mergel seines hohen Gehalts an kohlensaurem Kalk wegen sehr schätzte und ihn deshalb an Ort und Stelle grub, wo er sich befand und verwendet werden sollte. Selbstverständlich ist dieses Naturprodukt anorganischer Bestandteile nicht in allen Gegenden so stark und so hochwertig abgelagert, daß sich der Abbau des Mergels auch lohnte. Je nach Beimischung mit Sand, Ton etc. unterscheidet man hoch- und minderwertigen Mergel. Den größten Kalkgehalt besitzt augenscheinlich der Mergel, worin man die sog. Mergelmännchen vorfindet. Es sind dies weiße längliche Kalkstückchen in der Form und Größe etwa eines Kokons (Puppe) der Seidenraupe. Und weil der Mergel ebensowenig wie auch Torf, Kohle, Erze, Sand, sich nicht überall vorfindet, deshalb schon treffen wir logischerweise auch nicht in allen Gemeinden und Landstrichen solche eingefallenen oder eingeebneten Mergelgruben an, wie das in Hottorf der Fall ist. Es braucht auch nicht jede frühere Schindsgrube oder alle Patschgrübe deshalb schon ein Römergrab zu sein, wenn auch von Kindskindern dort grobe Knochen und alte Tonscherben gefunden werden. Generell bezeichnet man einen Boden, wo sich Lehm und Mergel im Gemisch vorfindet, als Lößboden, der bekanntlich sehr fruchtbar ist. Der Lehm, als weniger kalkreich, ist von rotbrauner Farbe, während der Mergel kalthaltig und hellgelb ist. Die Schichtung von Lehm und Mergel ist sehr verschieden, und deshalb mußte sich die Gewinnung des letzteren auch der örtlichen Lagerung anpassen ähnlich wie bei Torf und Kohle, im Tagebau oder Schachtförderung. Landläufig spricht man von Mergelköpfen, wo im Laufe der Zeit der oberschichtige Lehm durch starke Niederschläge und Schneewasser abgewaschen wurde. Dort tritt vielfach der Mergel beim Pflügen schon zu Tage. An solchen Stellen vollzog sich natürlich der einfachste und billigste Abbau durch Abgraben und Abfahren des Mergels zu der nächsten Verwendungsstelle. Und hierbei entstanden dann die vorgefundenen Gruben von 30—10 Meter Durchmesser, die nunmehr, nach vielleicht einem Menschenalter, schon zu den bedenklichsten Phantastereien aus der Urzeit, zwar irrtümlich, Anlaß boten. Nun liegt aber nicht überall im Flachland der früher so begehrenswerte Mergel so flachgründig, sondern er liegt unter einer mehr oder weniger hohen Lehmschicht, oft 3, 4 und mehr Meter lief in der Erde. Hier war man zu Großvaters Zeil noch gezwungen Mergel „auszupötzen“, d. h. es musste erst ein Schacht senkrecht in die Erde getrieben werden, wie beim Brunnenbau oder beim „Sandgziehen“, ehe man auf den Mergel stieß. Bis in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde im Winter, wenn die Maurer ihrem Beruf nicht mehr nachgehen konnten, im Akkord Mergel gepötzt ober gezogen. Einer füllt mit einem kurzstieligen Spaten im Pötz den Korb, während oben zwei Männer den anderen aufgepötzten Korb entleerten. Die benutze Seilwinde mußte schon recht stabil sein, weil so ein Korb Mergel recht schwer war. Um die Abraumarbeiten zu ersparen und die Ergiebigkeit an Mergel für einen größeren Bedarf voll auszunutzen, wurden sog. Querstollen seitlich in die Erde getrieben. Man konnte dies ohne Gefahr des Einstürzens, weil der Mergel bekanntlich stand, … (hier fehlt eine Zeile in der Kopie)
gepötzt als unlohnend oder voll ausgebeutet aufgegeben, dann wurden die Querstollen des Schachtes mit den zur Zeit der häufigen Waldrodungen reichlich vorhandenen Baumstämmen, auch mit Schanzen oder Abfallholz, abgeriegelt und der Einsteigeschacht mit dem abgeräumten Lehm und sonstigen verfügbaren Erdmassen wieder zugeschüttet. Im Laufe der Zeit verfaulte das verwendete Holz in der Erde, und das meist reichliche Winterwasser spülte die lockere, eingefüllte Erde in die offen gebliebenen Querstollen, sodaß sich in den früheren Schächten größere Hohlräume bildeten und bei stärkerem Druck auf die Oberfläche schließlich nachgaben und einstürzten. So bestand die Gefahr, daß nach Verlauf von Generationen, wenn niemand mehr an das Vorhandensein der Mergelpötze dachte, oder die betreffende Parzelle den Besitzer gewechselt hatte, plötzlich Pferde und Pflug in die Tiefe einsanken, die
dann mit Mühe und Not ausgegraben werden mußten oder auch schon mal zu Schaden kamen. Solche nicht wünschens-
werten Vorkommnisse sind aber nicht nur im Kreise Jülich, sondern auch auf der Gilbach seit Jahren bekannt geworden. So war Schreiber dieser Zeilen vor einigen Jähren Augenzeuge, wie beim Getreidemähen mit einem Traktor ein merkwürdiges Loch im Boden entstand, von der ungefähren Größe eines Pferdetrittes. Beim näheren Zustehen löste sich durch leichtes Nachstoßen mit dem Stock der Boden in einer Rundung von 1,5 Meter und polterte etwa 3 Meter in die unheimliche Tiefe. Hätte der Traktor mit dem Selbstbinder zum 2. Mal dieselbe Stelle passiert, so wäre ein unabsehbares Unglück geschehen. Solche Bodensenkungen sehen einem Granattrichter sehr ähnlich und müssen wiederholt zugefüllt werden, weil die alten seitlichen Querstollen nicht so leicht vollgestopft werden können und man dies am zweckmäßigsten mit Wasserspülung erreichen kann. Mit der Verwendung des gebrannten Stückkalkes und des neuzeitlichen, hochprozentigen Sackkalkes ist der Mergel jetzt ausgeschaltet worden, und mit dem Verschwinden und Vergessen der sagenhaften Mergelgruben gehört auch sehr bald diese letzte idyllische Romantik des Flachlandes der Vergessenheit an.

aus: Rur-Blumen, Jg. 1939, Nr. 26

offen: Digitalisierung und Widergabe des dritten Artikels “ Mergelgruben bei Hottorf und anderswo“ aus dem Archiv der Rur-Blumen

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