Es waren betrübte und armselige Zeiten damals, als man Anno Domini 1623 schrieb. Seit fast ein und einem halben Jahrzehnt vergingen die Tage in Unruhe und Sorge, und die Nächte waren voller Leid und Gefahren.
Im Jahre 1609 war der letzte Herzog Johann Wilhelm von Jülich im Wahnsinn gestorben, nachdem seine Räte die Herzogin Jakobe von Baden aus dem Wege geräumt hatten, um den kranken Fürsten Antoinette von Lothringen als zweite Gattin zuzuführen. Der Tod des Herzog führte zum Jülich-klevischen Erbfolgestreit, der das gesegnete Jülicher Land und seine weitere Umgebung verheerte. Vom 28. Juli bis zum 1. September 1610 hatte Moritz von Oranien mit seinen Scharen die Stadt Jülich belagert. Bei Broich, unweit der Festung, standen die Zelte seiner Truppen, und viele Feuerschlünder warfen ihre glühenden Kugeln in die unglückliche Stadt. Die Fußgänger und Reiter aber ergossen sich raubend und plündernd weit in die umliegenden Dörfer und Gehöfte und nahmen, was ihnen das Mitnehmen wert war. Denn der Krieg musste den Krieg ernähren, und so mancher von den Landknechten suchte noch dazu, in den rauen Händeln jeder Zeit sein eigenes Glück zu machen, um später desto ungesorgter Leben zu können.
Der Kampf um das reiche Erbe war aber noch nicht beendet, als eine noch schlimmere Heimsuchung entbrannte. Das war jener lange, fürchterliche Kampf, den man später wegen seiner Dauer kurzweg den 30-jährigen Krieg nannte, ohne dabei an all das Leid und das Elend der wenigen Überlebenden und die große Schande seines Friedensschlusses zu denken. Vom 5. September 1621 bis zum 3. Februar 1622 schlugen abermals fremde Truppen ihr Lager bei Broich auf, um von hier aus fast fünf Monate lang den Kommandanten Friedrich Pithan in der Festung Jülich zu belagern und ihm zur Übergabe der zäh verteidigten Stadt zu zwingen, Wieder litt das platte Land unter den Bedrückungen und Plünderungen der umherschweifenden Kriegsvölker, die Weg und Steg unsicher machten.
Nun schrieb man den 9. Oktobris; ein schöner Herbsttag neigt sich seinem Ende zu. Der grimme Krieg hatte erst fünf Jahre gedauert, und sein Ende war noch nicht abzusehen. Die Herbstsonne war schon einige Zeit hinter den hohen Wipfeln des dichten Buchholzbusches verschwunden und hatte die letzten goldenen Lichtstrahlen gleich eine feurigen Schleppe hinter sich hergezogen.
Auf einem der unweit Klein-Bouslar gelagerten Herrenhöfe war es allmählich ruhig geworden. Die fremden Hofleute, die in dem kleinen Dorfe für ihre Heimat hatten, waren schon längst in ihre armseligen Hütten gegangen, um sich nach des Tages Mühe und Last der wohlverdienten Ruhe hinzugeben. Das laute Muhen einiger Kühe und das plötzliche Stampfen unruhiger Pferde hatte aufgehört und einer großen, abendlichen Stille Platz gemacht. Ein frischer Wind strich durch die Äste der Bäume, die den Herrenhof umgaben, und Trieb mit den fallenden Blättern sein Spiel. Mit heiseren Schrei überflog ein Käuzchen beutesuchend das still gewordene Gehöft.
Jörg, der Kleinknecht, hatte sich bereits in seinen bescheidenen Verschlag bei den Pferden zurückgezogen und behaglich auf seinen Strohlager gestreckt. Eben noch hatte er den Junker Bernhard von Tongeren gedacht, dem er vor einer Stunde den Braunen gesattelt hatte und der ein so freundlicher Herr war. Mit dem Gedanken an den Junker und an seinen späten Ritt schlief Jörg sorglos ein.
Da stieß ihn plötzlich jemand in die Seite: „Jörg, auf! Kein großes Geräusch gemacht! Sattle in den Braunen, und hinaus mit ihm auf die Wiese! Aber sofort!“
Jörg hebt sich die Augen, den ersten Schlaf schnell zu vertreiben. Ein neuer, kräftiger Fauststoß half ihm dabei: „Mach doch voran! Du Faulenzer!“ herrschte ihn jemand an. Da erkannte Jörg den älteren Junker, der im Gegensatz zu seinem Bruder Bernhard so ungut zu allen Leuten war, und antwortete ihm: „Der braune ist nicht da, Herr! Junker Bernhard ritt damit aus!“
„Wohin?“ wollte da der Junge noch wissen. Aber Jörg stellte sich dumm und stumm; er gab darauf keine Antwort.
„Den Mund auf!“ brüllte ihn der Junker an. „Ich will wissen, wohin der Herr Bruder geritten ist! Oder soll ich dir das Mundwerk öffnen!“
Der Kleinknecht aber schwieg weiter. Er wusste zwar recht wohl, dass junger Bernhard, wie so oft an dem schönen Fräulein auf dem Hottorfer Herrenhaus seinen kurzen Besuch abstatten wollte. Aber der ungute Bruder sollte davon aus seinem Munde nichts erfahren.
Jörgs sattelte ein anderes Pferd und führte es hinaus. Der Junker bestieg es, und während er mit der Reitpeitsche nach Jörg Schluck, murmelte er zwischen seinen Zähnen: „Freund, dir werde ich den Besuch noch heimzahlen. Einmal muss doch nun damit ein Ende werden!“ Der Kleinknecht hörte die Worte noch und schrak zusammen. Waren sie für ihn und seine Ohren bestimmt oder nicht? Sollte vielleicht der Junker Bernhard gemeint sein? Dann wäre es bald in der Zeit, ihn zu warnen. Voller Gedanken war sich Jörg wieder auf seine Strohschütte; über seine Gedanken und Pläne aber legte der Schlaf bald das Vergessen.
Der Junker ritt während dessen davon, er sprengte über die Obstwiesen der väterlichen Besitzungen zu den Wege, der von Lövenich nach Hottorf führte.
Just zur selben Zeit hatte auch Bernhard von Tongeren drüben in Hottorf seinen Braunen wieder bestiegen, nachdem er sich von seiner Braut verabschiedet und von ihren Eltern Urlaub genommen hatte. Seinen Blick ging jetzt noch einmal zurück zu dem Fenster, wo er seine Herzliebste wusste. Dann gab er dem Tier einen leichten Schenkeldruck und schlug den Heimweg ein.
Tiefe nächtliche Dunkelheit hatte sich bereits über Wald und Feld gelagert. Doch das gute Tier und sein furchtloser Reiter kannten den breiten Weg, der nach Hause führte, gut. Niemand war mehr unterwegs, und nichts rührte sich. Selbst der Herbstwind schlief. Die Stille der Nacht war in diesen unruhigen und gefahrvollen Kriegstagen doppelt unheimlich. Darum hielt der Junker auch vorsichtshalber die eine Hand ständig am Griff seiner Doppelpistole, die geladen in seinem Gürtel steckte. Das dichte Gehölz des Buchholzbusches war für unheimliche Gesellen ein guter Aufenthalt. Unverhoffte Gefahren konnten von dort her drohen.
Aber alles blieb ruhig und still bis auf ein Käuzchen, das mehrmals jämmerlich aufschrie. Unangefochten erreichte Bernhard von Tongeren das Ende des Busches auf der Seite gegen Mitternacht, wo der schmalere Weg auf Klein-Bouslar zu, den die Alten gerne den Leichenweg nannten, nach Morgen und Abend hin abzweigte. Erleichtert atmete der einsame Reiter auf, als er nun von der breiteren Straße in den uralten Leichenweg einbog. Ahnungslos ritt er weiter. Die Hand ließ den Griff der Pistole fahren; denn nun konnte die Gefahr nicht mehr so groß sein. Bernhard von Tongeren dachte nicht daran, dass gerade an dieser Stelle der Tod begierig auf ihn lauerte und sich sein Schicksal hier erfüllen sollte. Das Pferd witterte schon den Stall und schlug eine schnellere Gangart an. Aber es spürte auch die Nähe eines versteckten Menschen und wurde deshalb unruhig. Der Junker war noch in seinen Gedanken drüben auf dem Herrenhofe in Hottorf. Süße Worte klangen in seinen Ohren nach. Der beutegierige Tod schüttelte nachdenklich den Kopf und drehte noch einmal seine Sanduhr um; er beobachtete voller Spannung, wie die letzten Körnchen allmählich in die untere Hälfte seines Stundenglases fielen.
Da raschelte es ganz leise, ein wenig im Strauchwerk zur Seite des Weges, als der Junker vorüberschritt. Schnell griff die Hand wieder zur Pistole, während sich die Augen tief in das dunkle Gemisch bohren wollten. Aber nichts war in der Dunkelheit zu sehen.
In der Sanduhr des unheimlichen Sensenmannes aber fielen gerade die letzten Sandkörnchen in die untere Hälfte. Da knackte es erneut in den Sträuchern; der Junker kannte das Geräusch. Nun wusste er mit Sicherheit, dass ein Übeltäter ihn beschlich und ein grimmer Kampf bevorstand. Aber noch eher er die ersten Versuche machen konnte, aus dem Sattel zu springen, zerriss ein Schuss die nächtliche Stille. Mit einem leisen Aufschrei griff der Junker in die linke Seite, dann fiel er schwer aus dem Sattel auf den Boden. Das Pferd machte erschrocken einen weiten Satz und schleift den zu Tode getroffenen Junker noch ein paar Schritte weiter. Dann löste sich der Fuß des Reiters aus dem Steigbügel und das Tier rannte heimwärts.
Junker Bernhard von Tongeren lag im niedrigen Gras an der Webseite. Er war bewusstlos geworden. Aus einer tiefen Wunde floss langsam das rote Blut, und mit ihm Schwant allmählich das Leben dahin.
Als am anderen Morgen sich der Kleinknecht Jörg zu ungewohnt früher Stunde von seinem Lager im Pferdestall erhob, sah er sofort, dass der Braune des Junkers Bernhard fehlte. Dagegen stand der Rappen, dem er den Bruder gezäumt hatte, richtig an seinem Platz. Aber draußen hörte er ein Scharren und Wiehern, das bis in seine Träume gedrungen war und ihn geweckt hatte. Da lief Jörg voller Ahnungen hinaus. Er fand dort das Pferd des Junkers, Bernhard vor dem Wiesentor. Erschrocken lief Jörg, nachdem er das Tier eingestallt hatte, in das Herrenhaus und meldete dort seinen entsetzlichen Verdacht.
Darauf wurde der Junker Bernhard sofort von einigen Leuten gesucht. Die Knechte fanden ihn bald draußen am Leichenweg, kalt und tot. Sie trogen die Leiche zurück nach Klein-Bouslar in das Herrenhaus. Das war für alle ein recht trauriger Heimweg; denn alle liebten den stets freundlichen Junker, der sich immer um ihre großen und kleinen Leiden und Freuden gekümmert hatte.
Von Klein-Bouslar aus bereitete man den toten Junker nach einigen Tagen ein feierliches Begräbnis, an dem die Edlen und Herren der ganzen Gegend mit ihren Frauen teilnahmen. Viele aus dem Volk zogen hinter dem Sarge her und geleiteten den toten Junker in die Gruft seiner Vorfahren.
Auch Jörg war unter den Leidtragenden. Jedem, der es wissen wollte, erzählte er seine letzten Erlebnisse mit dem Junker. Dabei wusste er dann auch von den schlimmen Drohungen zu sprechen, die der Bruder des Junkers noch am letzten Abend ausgestoßen hatte.
So kam es, dass man bald in der ganzen Gegend heimlich auf den Junker als den schuldigen Meuchelmörder wies. Aber offen getraute sich niemand, es zu sagen, da alle den Junker fürchteten und keiner zeugen der Meintat beibringen konnte. So blieb der Meuchelmord für alle Zeiten ungesühnt.
An der Stelle aber wo die Untat geschehen ist, wurde bald darauf ein schlichtes Steinkreuz errichtet, das die Worte trug:
A° 1623 DEN 9
OKTOB IST DER
WOLEDLER EHRENFESTER
BERNHARDT VON
TONGEREN ALLHIE JA=
MERLIC ER
MORDT
(Das R und besonders das N ist in „Bernhard“ zweifelhaft.)
Mehr als drei Jahrhunderte hindurch hat dieses Steinkreuz an der Stelle des Verbrechens gestanden und Kindern und Kindeskinder von der grausigen Unterhalt erzählt. Weil es aber zu nah am Wege stand und allzu oft von ungeschickten Fuhrleuten angefahren wurde, steht das alte Kreuz seit einigen Jahren auf dem Hotter Kirchhof an der Ostmauer am Sakristeieingang und zeugt auch dort noch weiter von jener schlimmen Tat, von der heute noch manchmal dieAalten an stürmischen Herbsttagen erzählen.