Et Zubbelsdeer zwischen Hottorf und Ralshoven

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| Eine überlieferte Erzählung |

So erzählte Großvater einst seine Begegnung mit dem Zubbelsdeer:

Wir hatten auf Isenkrahe den ganzen Tag schwer gearbeitet und dann bis abends noch einen Namenstag gefeiert. Um 10 Uhr trat ich den Heimweg an. Ich ging damals jeden Samstagabend nach Hause. Ein kalter Novemberwind blies mir ins Gesicht, so dass ich nur mühsam vorwärts kam. Als ich hinter Ralshoven schon einige Lichter von Hottorf, meinem Heimatorte, sehen konnte, setzte noch ein heftiger Regen ein, so dass mich bald der ganze durchnässte Mantel schwer auf der Schulter drückte. Doch nur weiter, dachte ich, in 10 Minuten bin ich ja zu Hause. Wenn ich nur noch den Danzeberg hinter mir habe, dennoch war es schon immer nicht ganz geheuer, besonders spät am Abend nicht.

Meine Mutter hatte mir schon als kleines Kind angeraten, wenn ich spät abends diesen Weg machen müsste, einen Rosenkranz in der Tasche mitzunehmen, dann könnte mir der Danzeberger “Düvel” und auch das “Zubbelsdeer” nichts anhaben. Ich hatte diesen Rat der Mutter bis jetzt auch immer befolgt, und richtig bis jetzt hatte das Zubbelsdeer mir noch nichts anhaben können. So hatte ich auch an diesem Abend keine Angst, denn ich wusste, in der linken Hosentasche hatte ich einen Rosenkranz, den kleinen, den mit den blauen Körnern. Ich öffnete den Mantel, um ihn mit der linken Hand heraus zu holen. Oh Schreck, der Rosenkranz war weg. Da fiel mir ein, dass er noch in der anderen Hose sei, ich hatte mich ja zur Namenstagsseier umgezogen. Mittlerweile war ich am Danzeberg angekommen. Es überlief mich kalt bei dem Gedanken, hier ohne Rosenkranz gehen zu müssen.

Doch nur den Stock fester in der Hand gepackt und dann mutig weiter. Schon hatte ich den Berg halb hinter mir, da packt mich plötzlich von hinten ein haariger Arm um die Schultern. Ich wollte mich umdrehen und mit dem Stock um mich schlagen, doch die schweren, haarigen Arme pressten sich fest um meinen Körper und um umschlangen meine Arme, so dass jede Gegenwehr ausgeschaltet war. Langsam und mühsam schleppte ich mich mit dem Zubbelsdeer auf dem Rücken weiter, und ich hoffte, es werde mich freigeben. Doch es umschlang mich immer fester, so dass mir fast der Atem weg ging. Durch plötzliche Springen und durch Hin- und Herenken versuchte ich, den lästigen Gast abzuschütteln, doch alles vergebens. Da kam mir ein guter Gedanke: ich wollte mich ganz vorüberbeugen, dann musste das unheimliche Scheusal vornüber fallen. Gesagt, getan. Ich bückte mich so tief wie möglich, fast mit dem Kopf bis auf die Erde und das Zubbeldsdeer viel. Doch im Fallen ließ es mich nicht los, so fiel ich mit, und da ich meine Hände nicht austrecken konnte, fiel ich mit Brust und Kopf zuerst in den Dreck, mit dem Kopfe gerade auf einen Stein. Mir schwand das Bewusstsein.

Als ich mit blutigen Händen und mit einem dumpfen Druck im Kopfe erwacht, konnte ich mich kaum erheben, noch immer hatte der unheimliche Quälgeist nicht von mir gelassen. Da fasste mich eine unbeschreibliche Wut. Wie wild trete ich mich ein dutzend Mal im Kreis herum, sprang hin und her und schlug dann mit dem Stock wie wild  um mich. Inzwischen hatte ich nämlich die Hände frei bekommen. Nun fühlte ich mich völlig frei, doch nur für ein paar Minuten, da fiel mich das Ungeheuer von neuem an. Zuerst ein Stoß in die Seite, und als ich mit der Hand dorthin griff, hatte es mich vom neuen umschlungen. Müde und matt, wie ich nun war, ließ sich willenlos alles über mich ergehen und tappte mit der schweren Last weiter durch den aufgeweichten Boden. Deutlich fühlte ich eine haarige Hand um meinen Hals und einen heißen, unregelmäßigen Atem in meinem Nacken. Ab und zu schlug etwas Hartes, wie eine schwere Faust gegen meine Waden. Meine Kraft ging zu Ende, ich wurde müder und müder, der Weg wurde holperig und aufgeweichter, oft trat ich bis an die Knie ins Wasser, ich war vom richtigen Wege abgekommen, stolperte stundenlang durch Feldwege und über Felder, ohne mich auf den rechten Weg zurückzufinden und ohne meine lebendige Last loszuwerden.

Ich war der Verzweiflung nahe, da hört sich auf einmal eine Glocke läuten. Im selben Augenblick ließ das Zubbelsdeer von mir, und ich fühlte mich von der ungeheuren Last befreit. Ich befand mich hinter Ralshoven, war im Dunkeln mit dem Zubbelsdeer um Ralhoven herum geirrt. Glücklich war ich, als ich endlich zu Hause ankam.

Erläuterung:
Isenkrahe:  Gut bei Gevelsdorf
Danzeberg: Anhöhe zwischen Hottorf und Ralshoven, gleichnamige Flurbezeichnung