1945

Unterrichtsbeginn nach dem 2. Weltkrieg

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| 14 Monate kein Unterricht |

Am Montag, den 14. November 1945, beginnt wieder der Unterricht in der Schule, nachdem das Schulhaus am 30. Sept nach der 14:30h Sontagsandacht feierlich eingeweiht wurde.

Quelle: Pfarrarchiv, Publicanda Hottorf, 1939-1954, Seite 169, Pfr. Reiners

Notkirche in der Schule

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| Glocke in den Baum gehängt |

Der große Schulraum dient bis 1949 als Notkirche.

Die Überreste der Altäre und der Kommunionbank wurde zum ortsansässigen Schreiner Josef Herbergs gebracht und dort wieder aufgerichtet.

Die im Turm verbliebene kleine durch Granatbeschuss schwer beschädigte Glocke wird bei Familie Mühlfahrt an der höchsten Stelle im Ort in einem Birnbaum angebracht und versieht dort ihren Dienst.

93 Soldaten aus Hottorf im 2. Weltkrieg

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| 19 Soldaten müssen sterben |

Pfarrer Reiners hat eine Liste Hottorfer Männer angelegt, die als Soldat in den Krieg gerufen wurden. Jeder fünfte musste diesen Einsatz mit seinem Leben bezahlen.

Die verstorbenen Soldaten werden zum größten Teil auf dem Hottorfer Ehrenfriedhof beigesetzt

Die Gefallenen des 2. Weltkrieges:
Martin Nöthlings
Peter Wyrenbeck
Heinrich Mütz
Vinzens Heine
Heinrich Nießen
Ernst Josten
Hubert Krenzel
Philipp Heine
Franz Steffens
Peter Gebser
Johannes Vetter
Hubert Dederichs
Josef Schmitz
Heinrich Nöthlings
Franz von Meer

Im Feld und in der Heimat verstarben:
Josef Lieven
Hermann Lieven
Anton von Berg
Heinrich Emondts
Engelbert Mütz
Hubert Roeben
Franz Althoff
Franziska Rixgens

Vermißt sind:
Wilhelm Esser
Heinz Berden
Peter Heinen
Peter Herbergs
Willi Lieven

Geflüchtete kehren zurück

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| Berichte zu Krieg und Flucht |

Ab März 1945 kehren die Hottorfer Familien zurück in den Ort. Im Pfarrarchiv befinden sich mehrere Briefe von Familien mit Schilderungen ihrer Erlebniss auf der Flucht und mit dem Datum der Rückkehr in den Ort. Pfarrer Reiners kommt im September 1945 zurück. Die Vermutung liegt nahe, dass er die Hottorfer gebeten hat, ihre Erlebnisse aufzuschreiben.

So kann der Chronist aus den Schilderungen folgende Daten der Rückkehrer festhalten:

  • Fam. Mülfahrt am 04.03.1945
  • Albert und Sophie Froitzheim, Wilhelm Nöthlings und Fritz Gintzel (Ginther)  kehren aus Könighofen am 19.03.1945 zurück und beschreiben die Erlebnisse mit der nachstehenden Schilderung .
  • Josef Blaesen am 01.05.1945
  • Wilhelm Schiffer (Haus-Nr 12) am 25.05.1945
  • Anton Schiffer und Frau Agnes geb. Spenrath am 09.07.1945
  • Hubert Krieger am 22.07.1945
  • Pfrarre i. R. Heinrich Schmitt
  • Heinrich Krieger am 01.08.1945
  • Elisabeth und Helene Lang am 04.08.1945
  • Anna und Josefine Blaesen am 06.09.1945
  • Pfarrer Hubert Reiners aus Hoge an der Weser am 02.09.1945 (mit halbstündigen Läuten der Glocke im Baum bei Mühlfahrt)
  • Lehrerin Gertrud Gatzweiler mit Schilderung der Fluchterlebnisse, kehrt erst am 20.11.1945 zurück

Schilderung der Familie Froitzheim, Hottorf, Hausnummer 4:

Das, was wir schon lange dunkel ahnten, was wie eine Last auf unserer Seele lag, wurde am 22. März 1944 zur grauen Wirklichkeit. Abends gegen 5 Uhr verließen wir schweren Herzens die geliebte Heimat, verließen das Heim, das Heim das unserer Vorfahren schon 1779 erbaut haben. Unterwegs begegnete uns schon das Flüchtlingselend. Auf der Straße von Hottorf nach Ralshoven hatte der Tod reiche Ernte gehalten, hatte Menschen dahingerafft, die vor wenigen Stunden sich auch von der Heimat losgerissen hatten. Waren die Toten zum bemitleiden oder zu beneiden? Das hat sich wohl jeder im Stillen gefragt. So kamen wir das Herz voller Wehmut nach Titz. Dort fanden wir Aufnahme bei guten Menschen. Aber auch dort hatten wir keine Bleibe. Der Beschuss kannte keine Grenzen. So mussten wir, nachdem wir uns ins unvermeidliche begeben hatten, zum zweiten Mal flüchten. Titz war noch Heimatnähe, man sah bekannte Gesichter, traf Soldaten, die über Hottorf Bescheid wussten, und nun fort, weiter fort plan- und ziellos ins Ungewisse, nicht wissend, wo und wann ein Dach überm Kopf zu haben.

So erreichen wir dann am 30. November Königshofen. Die Tiefflieger nahmen uns in Empfang. Wir mussten sofort in den Keller. Nachher, als das tolle Treiben in der Luft sich gelegt hatte, baten wir um Obdach. Die Frau wollte uns wohl aufnehmen, aber der Mann hatte keinen Platz für uns. Ob er wohl wusste, wie weh, das uns Flüchtenden tat! So gingen wir von Tür zur Tür und baten um Unterkunft. Es fiel schwer, in Königshofen unterzukommen. Der Generalstab hatte fast alles in Beschlag genommen. Der Abend brach herein, wir wurden mutlos und entschlossen uns, am letzten Haus anzuklopfen. Wie ein Wunder erbarmte sich ein altes Ehepaar über uns. Sie stellten uns ihr Altenteil, zwei Zimmer, zur Verfügung. Und wie freudig sie es taten! Ich wusste sofort, hier haben wir eine Heimat gefunden. Unsere nächsten Nachbarn waren Familie Nöthling und Dohmen. Jeden Abend hielten wir ein Plauderstündchen und waren sofort der Heimat nahe.

Dreimal bin ich während der Evakuierung in Hottorf gewesen. Das Gleichgewicht, was wir inzwischen so ziemlich wieder erlangt hatten, störte vor Weihnachten die Feldgendarmerie. Wir sollten raus aus Königshofen. Das waren wiederum trostlose und beängstigende Tage für uns, denn von hier fort hieß, alles verlieren, das letzte Vieh, woran man noch hing, und was nun mitgeschleppt hatte. Wir sehen unseren Opa Schrey, 86-jährig, da stehen, wie er mit geballten Fäusten anklopfte und sagte: „Unsere Flüchtlinge verlassen nicht eher das Haus, wie wir“. Allmählich verebbte dieser Sturm, wir hatten Ruhe. So sahen wir denn mit der Familie Schrey dem kommenden Kriegsgeschehen entgegen.

Am 24. Februar war es mit der Ruhe aus. Nachts schrecken uns die ersten Granaten in Königshofen aus dem Schlaf auf. Der Amerikaner waren zum  Angriff übergangen. Die deutschen Truppen fluteten zurück. Und da hieß es, Hottorf vom Feind genommen! Wir waren in der Erwartung der Geschehnisse.

Am 27. Februar, nachmittags gegen 6 Uhr, nahm der Amerikaner das Dorf Königshofen ein. Eine allgemeine Spannung löste sich. Der Flüchtlinge waren von dem einen Gedanken beseelt: Heimat, wie und wann werden wir dich wieder sehen. Unsere erste Frage an einen Dolmetscher war: wann kommen wir heim?

Überall standen die Flüchtlinge in Gruppen zusammen und verhandelten das gleiche Thema. Am 9. März fuhr Fritz Gintzel unter Lebensgefahr nach Hottorf. Er brachte uns die erste Nachricht, wie es dort aussah und für uns die erfreuliche Botschaft, dass wir wohnen konnten. Am 14. März hatten wir dann glücklich die Bescheinigung zur Heimreise in der Hand.

Am 15. März fuhren Fritz Gintzel, Wilhelm Nöthlings und Sophie Froitzheim nach Hottorf. Hinter Titz fing das Niemandsland an. Wir fürchteten uns vor jedem Geräusch. Daheim angekommen, bemächtigte sich uns ein Gefühl, was sich nicht schildern lässt. Erst jetzt wussten wir, dass Wort Krieg im wahrsten Sinne zu deuten, am Wegrand Soldaten, so wie der Tod sie ereilt hatte, Trümmer über Trümmer und Vernichtung. Was wohl auf jeden einen tiefen Eindruck gemacht hat, waren die Ruinen unserer Kirche. Beim Anblick der Trümmer war wohl jedem bewusst, wie lieb ihm seine Heimatkirche war, in der er so oft gekniet und was er dann damit verloren hatte.

Am 19. März sind wir dann mit unserer Habe endgültig in die Heimat zurückgekehrt.

Weitere Briefe an die Heimat

Auch der im Ruhestand befindliche Pfarrer Schmitt sendet einen zweiseitigen Bericht mit seinen Fluchterlebnissen an Pfarrer Reiners.

Rainer Krieger schreibt am 24.02.1946 aus der Gefangenschaft.

Peter Mai, Oberzollinspektor, aus Köln, der im Krieg als Schanzer in Hottorf im Saal untergebracht war, schreibt im Dezember 1945 an Pfarrer Reiners in Sorge um das Hottorfer Gotteshaus:

Köln-Dellbrück, 10.12.1945
Bensberger Marktweg 45.

Hochwürdiger Herr Pastor!
Sie werden sich meiner wohl nicht mehr erinnern. Ich war im vorigen Jahr als Schanzer in Ihrer Gemeinde und war bei Frau Heister im Quartier. Am vorjährigen Kirchweihfeste hielten Sie uns eine schöne Ansprache, in der Sie dem Wunsche Ausdruck geben, daß wir das nächste Kirchweihfest in unserer heimatlichen Kirche und Sie mit Ihrer Pfarrkindern dasselbe in der Hottorfer Kirche feiern könnten. Für mich persönlich ist Ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. Ich bin am 10. Mai gesund und heil aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, habe Frau und Kind gesund und mein Haus unbeschädigt, trotz vieler naheliegender Bombeneinschläge, vorgefunden. Unsere Kirche St. Josef in Köln-Delbrück ist eine der wenigen Kölner Kirchen, die keinen Schaden gelitten haben. Aber wie steht es mit der schönsten Kirche im Jülicher Land? Ich habe gehört, daß Hottorf noch schwer unter Artilleriefeuer gelitten hat. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, Hochwürdiger Herr Pastor, wenn näheres darüber erfahren könnte.

Ihren weiblichen Küster, des Frl. Gretchen – Familienname weiß ich leider nicht mehr – kenne ich auch sehr gut und bitte um Ausrichtung eines Grußes.

Indem ich Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest wünsche, verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen
Ihr Peter Mai

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