Das, was wir schon lange dunkel ahnten, was wie eine Last auf unserer Seele lag, wurde am 22. März 1944 zur grauen Wirklichkeit. Abends gegen 5 Uhr verließen wir schweren Herzens die geliebte Heimat, verließen das Heim, das Heim das unserer Vorfahren schon 1779 erbaut haben. Unterwegs begegnete uns schon das Flüchtlingselend. Auf der Straße von Hottorf nach Ralshoven hatte der Tod reiche Ernte gehalten, hatte Menschen dahingerafft, die vor wenigen Stunden sich auch von der Heimat losgerissen hatten. Waren die Toten zum bemitleiden oder zu beneiden? Das hat sich wohl jeder im Stillen gefragt. So kamen wir das Herz voller Wehmut nach Titz. Dort fanden wir Aufnahme bei guten Menschen. Aber auch dort hatten wir keine Bleibe. Der Beschuss kannte keine Grenzen. So mussten wir, nachdem wir uns ins unvermeidliche begeben hatten, zum zweiten Mal flüchten. Titz war noch Heimatnähe, man sah bekannte Gesichter, traf Soldaten, die über Hottorf Bescheid wussten, und nun fort, weiter fort plan- und ziellos ins Ungewisse, nicht wissend, wo und wann ein Dach überm Kopf zu haben.
So erreichen wir dann am 30. November Königshofen. Die Tiefflieger nahmen uns in Empfang. Wir mussten sofort in den Keller. Nachher, als das tolle Treiben in der Luft sich gelegt hatte, baten wir um Obdach. Die Frau wollte uns wohl aufnehmen, aber der Mann hatte keinen Platz für uns. Ob er wohl wusste, wie weh, das uns Flüchtenden tat! So gingen wir von Tür zur Tür und baten um Unterkunft. Es fiel schwer, in Königshofen unterzukommen. Der Generalstab hatte fast alles in Beschlag genommen. Der Abend brach herein, wir wurden mutlos und entschlossen uns, am letzten Haus anzuklopfen. Wie ein Wunder erbarmte sich ein altes Ehepaar über uns. Sie stellten uns ihr Altenteil, zwei Zimmer, zur Verfügung. Und wie freudig sie es taten! Ich wusste sofort, hier haben wir eine Heimat gefunden. Unsere nächsten Nachbarn waren Familie Nöthling und Dohmen. Jeden Abend hielten wir ein Plauderstündchen und waren sofort der Heimat nahe.
Dreimal bin ich während der Evakuierung in Hottorf gewesen. Das Gleichgewicht, was wir inzwischen so ziemlich wieder erlangt hatten, störte vor Weihnachten die Feldgendarmerie. Wir sollten raus aus Königshofen. Das waren wiederum trostlose und beängstigende Tage für uns, denn von hier fort hieß, alles verlieren, das letzte Vieh, woran man noch hing, und was nun mitgeschleppt hatte. Wir sehen unseren Opa Schrey, 86-jährig, da stehen, wie er mit geballten Fäusten anklopfte und sagte: „Unsere Flüchtlinge verlassen nicht eher das Haus, wie wir“. Allmählich verebbte dieser Sturm, wir hatten Ruhe. So sahen wir denn mit der Familie Schrey dem kommenden Kriegsgeschehen entgegen.
Am 24. Februar war es mit der Ruhe aus. Nachts schrecken uns die ersten Granaten in Königshofen aus dem Schlaf auf. Der Amerikaner waren zum Angriff übergangen. Die deutschen Truppen fluteten zurück. Und da hieß es, Hottorf vom Feind genommen! Wir waren in der Erwartung der Geschehnisse.
Am 27. Februar, nachmittags gegen 6 Uhr, nahm der Amerikaner das Dorf Königshofen ein. Eine allgemeine Spannung löste sich. Der Flüchtlinge waren von dem einen Gedanken beseelt: Heimat, wie und wann werden wir dich wieder sehen. Unsere erste Frage an einen Dolmetscher war: wann kommen wir heim?
Überall standen die Flüchtlinge in Gruppen zusammen und verhandelten das gleiche Thema. Am 9. März fuhr Fritz Gintzel unter Lebensgefahr nach Hottorf. Er brachte uns die erste Nachricht, wie es dort aussah und für uns die erfreuliche Botschaft, dass wir wohnen konnten. Am 14. März hatten wir dann glücklich die Bescheinigung zur Heimreise in der Hand.
Am 15. März fuhren Fritz Gintzel, Wilhelm Nöthlings und Sophie Froitzheim nach Hottorf. Hinter Titz fing das Niemandsland an. Wir fürchteten uns vor jedem Geräusch. Daheim angekommen, bemächtigte sich uns ein Gefühl, was sich nicht schildern lässt. Erst jetzt wussten wir, dass Wort Krieg im wahrsten Sinne zu deuten, am Wegrand Soldaten, so wie der Tod sie ereilt hatte, Trümmer über Trümmer und Vernichtung. Was wohl auf jeden einen tiefen Eindruck gemacht hat, waren die Ruinen unserer Kirche. Beim Anblick der Trümmer war wohl jedem bewusst, wie lieb ihm seine Heimatkirche war, in der er so oft gekniet und was er dann damit verloren hatte.
Am 19. März sind wir dann mit unserer Habe endgültig in die Heimat zurückgekehrt.