Filiale von Boslar

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| Sakramente wurden nicht gespendet |

Die ganze Zeit hindurch blieb Hottorf Filialort von Boslar  Die Kommunikanten gehören zu Boslar, der Pastor, d.h. der die Kapelle von Boslar bedienende Geistliche, hat wöchentlich drei Messen.
Die Kapelle hatte keinen eigene Sakramente, aber eine eigene Begräbnisstätte.

Quelle: Schiffer

In einem Erkundigungsbuch des 16. Jahrhundert befinden sich mehrere Einträge für Hottorf (entnommen aus Visitationsprotokolle u. Berichte [8]):

28. Juni 1533

Übersetzte und kommentierte Fassung:
Hottorf. Die Kapelle ist keine selbstständige Pfarrei, sondern eine Filiale. Der „Capellenherr“ ist Gerhardt von Palant, ein Adeliger, der das Patronatsrecht innehat – also das Recht, den Pastor einzusetzen. Solche Rechte waren damals typisch für Adelsfamilien.
Die Kapelle besitzt etwa 40 Morgen Ackerland. Ein „Morgen“ war ein Flächenmaß, das ungefähr der Fläche entspricht, die man an einem Morgen pflügen konnte – ca. 0,25 bis 0,35 Hektar.
Jeder Morgen bringt 3 Sümber Roggen ein – „Sümber“ ist ein regionales Hohlmaß für Getreide (wahrscheinlich um die 60 Liter).
Zusätzlich gibt es einen Zehnten, eine Abgabe, die meist an die Kirche oder den Grundherrn ging. Hier sind es jährlich 30 Malter Roggen und ebenso viel Hafer. Ein „Malter“ war ein weiteres Maß für Getreide, oft ca. 93–110 Liter.
Der „dritte Licht“ (eine weitere Einnahmequelle) besteht aus 12 Morgen Wald/Büsche aus dem Buchholzbusch und bringt 20 Mark jährlich ein.
Die Kommunikanten (also Pfarrangehörige) gehören zur Gemeinde Boslar.
Der Pastor liest wöchentlich drei Messen, was eine stattliche Anzahl für eine kleine Kapelle war.
Der Altar der heiligen Katharina ist ein eigener Stiftungspunkt. Für eine Messe dort bekommt man 10 Malter Roggen – typisch für Altäre mit eigener Stiftung (so genannte Altarpfründen).
Die Kapelle hat Renten, also regelmäßige Einkünfte. Ein Zehnt bringt 1 Malter, und daraus werden Kerzen bezahlt – für den liturgischen Gebrauch. In einem Jahr wird mehr verbraucht als im anderen.
Es gibt keine Schule und kein Hospital, was bei kleinen Kapellen üblich war – diese Aufgaben lagen meist in der Pfarrgemeinde.
Es gibt eine Bruderschaft (Mutter Gottes und St. Georg). Sie besitzt 4 Malter Roggen (Einkünfte) und muss dem Pastor und den Kirchenrat Rechenschaft geben.
Spenden (vielleicht aus Stiftungen oder Kollekten) bringen weitere 5 Malter Roggen ein.
Der Küster, also der Kirchendiener, bekommt 9 oder 10 Gulden – eine einfache, aber wichtige Rolle: Er war für den Unterhalt der Kirche (Kerzen, Reinigung, Pflege des Altars) zuständig.
Der Pastor predigt das Evangelium – also gemäß der Lehre Christi – und lebt ehrbar. Das war eine wichtige Charakterbeschreibung und zeigt: Man hielt ihn für tüchtig und moralisch einwandfrei.
Die Untertanen (also die Gläubigen oder die Bewohner) sind gehorsam und friedlich, ohne neue Ideen oder Aufstände – wahrscheinlich eine implizite Abgrenzung gegenüber reformatorischen Strömungen oder sozialen Unruhen.
Pastor: Herr Gerhart von Wassenbergh ist Vikar. Er wurde vom Junker Gerhart von Palant zu Flamersheim eingesetzt.
Er besitzt 40 Morgen Ackerland und ein Wohnhaus.
An Büchern besitzt er die Bibel, das “Paratium discipulum” (Leitfaden für den korrekten priesterlichen Dienst), die “Postilla” (zur Predigtvorbereitung über das Kirchenjahr hinweg) und andere (geistliche Werke). Diese drei Bücher zeigen, dass er gut ausgebildet und liturgisch orientiert war – auch wenn er vermutlich kein Universitätsstudium hatte.
Junker Herman von Ghoir, Statthalter von Limburg, hat dem Küster in Houtorp für sechs Jahre seine Sommerabgaben (Naturalabgaben) erlassen.
Der Pastor beklagt sich darüber, dass einige Nachbarn nicht bereit sind, gegenüber der Kirche Rechenschaft abzulegen.
Lenhart ter Roich, Derich Schender und Meister Dreyss sagen, dass die Gesetze der Kirche bloße Menschengesetze seien.
Sie wollen nicht fasten und auch die heiligen Feiertage nicht begehen.
Dennoch haben sie das heilige Sakrament empfangen und sich nicht öffentlich getrennt (z. B. durch Kirchenaustritt oder Sektenbildung).

Houtorp. Ist ein capella. Der capellen ist gifter Gerhardt van Palant, der selbiger setz innen einen pastoir.
Hait de capelle ungefierlich 40 morgen artlantz, doit eder morgen 3 sumber rocgen. Darzo einen zienden, doit eins jairs 30 malder rogen das ander so vil haveren, das dirde licht es ledich 12 morgen busch darzo 20 mark juirliches. De communicanten gehueren zo Boslar. Der pastoir haitzer wecken  3 missen.
Der ist sent Cathrinen altair, hait 10 malder rocgen zo einer missen.
De capelle hait renten, ein zenden doit /malder, wirt bider kerzen ausgedain, also eins jairs mehe, dan das ander. Ist kein schoil noch hospitail.
Ist  ein broderschaft, hait 4 malder rocgen , beschicht rechenschaft vur pastoir und naberen.
Item spinden 5 malder rocgen.
Der custer hait 9 ader 10 gulden .
Der pastoir predigt den text des hilgen evangeliums und erberlichs levens. De underthanen sint gehoirsam one alle neuwerong.
Pastoir: Her Gerhart van Wassenbergh ist  vicarius und jonkher Gerhart van Palant zo Flamersheim hait sieine gegeven. Hait 40 morgen arlands , hait eine behausung. Libros haven Biblian, Paratium discipulum, Postillam etc.
Bemerkungen:
Jonkher Herman van Ghoir, stathelder van Lymburd, hait dem custer zo Houtorp 6 jaire siene sommergerien vur enthalden.
Der pastoir sagt an, we eine de naberen zo der kirchen rechenschaft neit wellen nemen. Lenhart ter Roich, Derich Schender, Neister Dreyss sagen, der  kirchen gesetz sint minschen gesetz, willen neit vasten noch de hilge dage  fieren, doch  haven zom hilgen sacrament gegangen, rotten sich auch neit.

4. August 1550

Übersetzte und kommentierte Fassung:

Die Kapelle in Hotorff (auch Houtorp), betreut von Cornelius Merckelbach, ist eine Filialkapelle der Mutterkirche in Boslar und untersteht dieser in allen Belangen. Sie besitzt keine Sakramentsvollmacht, das heißt: weder Taufe, noch Eucharistie, noch Beichte dürfen dort gespendet werden. Allein Beerdigungen finden dort statt.

Die Patronatsherren dieser Kapelle sind die Herren von Pallandt zu Flamersheim, die das Präsentationsrecht innehaben. Sie haben dieses genutzt, um Peter von Braicheln, einen Geistlichen aus Brabant, als Kaplan zu berufen. Dieser wurde offiziell vom Propst der Kölner Kirche (vermutlich ein Dompropst) angenommen, öffentlich ausgerufen („proclamatus“) und in sein Amt eingeführt („in vestitus“) . Peter von Braicheln gibt an, über alle erforderlichen Urkunden zu verfügen, die seine Bestellung belegen.

Allerdings gibt es Widerstand in der Gemeinde: Die Nachbarn zeigen sich unzufrieden mit seiner Lehre und beklagen zudem, dass der Kaplan in einem eheähnlichen Verhältnis mit einer Frau lebt, was nach kirchlichem Recht als Konkubinat untersagt ist.

In der Gemeinde bestehen Bruderschaften sowie sogenannte Spinden (gemeinnützige Stiftungen oder gemeinschaftlich verwaltete Einkünfte). Diese Einrichtungen bestehen schon seit alter Zeit und werden weiterhin nach überliefertem Brauch gepflegt. Das kirchliche Fastengebot ist zwar offiziell eingeführt und verpflichtend, wird in der Praxis jedoch nur nachlässig oder widerwillig beachtet.

Bemerkungen Schiffer: Der Pastor klagt, daß Herman von Goir der Kapelle 20 Mark Rente von den Höfen von Hottorf vorenthält. Seinem Vorgänger, Gerhart Tielen, seien sie gerichtlich zugesprochen, jedoch habe Goir an das Kammergericht appeliert, wo die Sache 24 Jahre gelegen und unerledigt geblieben ist. Er ruft die Intervention des Herzogs an.

Hotorff (Cornelius Merckelbach ) ist eine capell der moderkirchen boessler underhoerich, nulla habet sacramenta, sed solum sepulturam.
Und die Palender van Flamershem sint derselbiger gifter, haben sie vergeben hern Petern van Braicheln, Brabender, ist presentiert preposito i n ecclesia Coloniensi, ist proclamatus et in vestitus, dicit se desuyer sus habere documenta.
Die nachbarn sint wail nit siner lehr zufridden, sunder hait eine concubin.

Haben broderschaften und spinden, werden gehalten wie van alders . Fasten wird geboden aber qwailich gehalten . Opfern zu Boslar

10. Januar 1560

Übersetzte und kommentierte Fassung:

Die Kapelle Hottorff (auch Houtorp) ist eine Filialkirche der Mutterpfarre Boslar.
Als Kirchmeister fungiert Wilhelm Hardberch, Cornelius Merckelbach ist der amtierende Statthalter (Verwalter). Bezüglich des Lehrverhaltens und der Lebensführung ihres Vikars geben die Verantwortlichen der Gemeinde ein gutes Zeugnis ab.
Der Vikar, Petrus Corentzich, hat drei Jahre in Emmerich und eineinhalb Jahre in Düsseldorf studiert. Er gehört zur dritten Studienklasse (wohl theologisch-akademisch).
Vor vier Jahren wurde er in Köln auf ein Altarbenefizium hin geweiht. Die Kapelle, die dem hl. Adalbert von Aachen geweiht ist, hat er seit anderthalb Jahren betreut.
Er ist Vikar – der eigentliche Rektor der Kapelle ist Leonhard Merckelbach, der vom Herrn von Flamersheim (Patronatsherr) eingesetzt wurde.

Der Vikar besitzt eine Heilige Schrift, sowie theologische Werke wie: Theophylactus (byzantinischer Bibelkommentator),Brentius (Johannes Brenz, protestantischer  Reformator), Erasmus’ Paraphrasen und den Katechismus von Brenz. Im Examen wurde er als ziemlich gebildet und sachkundig eingeschätzt.
In der Gemeinde gibt es keine Wiedertäufer (also keine Hinweise auf Täufer oder andere radikale Reformationsströmungen).
In allen anderen Punkten erklären sie, unter die Pfarrei Boslar zu gehören.
Der Vikar hat sein Einkommen aus Gütern und Renten der Kapelle schriftlich übernommen, also ordentlich dokumentiert.

Bemerkungen Schiffer: Die Kapelle hat einen Zehnten von 5 Mltr . Roggen (daraus bekommt der Vikar 1 Mltr. und die Armen 1 Kltr., der Offermann 6 übr.) und einige Roggenrenten; an Geld 46 Th 6 Alb. Die Armen haben 4,5 Mltr. Roggen, 6,5 Sbr. Weizen. Zur Beleuchtung sind 2 Pfd. Wachs und 2 Q.  Oel angewiesen, werden aber nicht geliefert. Einkommen des Pastors 17 Mltr. 1 Sbr. Korn (Zehnte von 42 Morgen)
Nota: wirt der capellen entzoge nan Goiren und des herrn van Elmbs hof 20 morgen. Für die Nachbarmesse sind 8 Mltr. gestiftet , aber 5 werden nur geliefert

1582 berechnet der Kaplan sein Einkommen folgendermassen: 28 Mltr. Roggen aus einem Zehnten von 40 Morgen, 24 Heister (zu 8 Albus) auf dem Münzer Busch. 4 Gewalt (zu 1 Glg ) auf dem Bockholz, 5 Mltr. Roggen aus dem Marienaltar. Zu dem Anniversar gehören 6 M. Ackerland, die jährlich 3 Mltr. Roggen ertragen .

Hottorff, capell  under Bossler. (Wilhelm Hardberchs kirchmeister, Cornelius Merckelbach stathalter ). Über Lehre und Lebenswandel ihres Vikars geben sie gutes Zeugnis. Der Vikar, Petrus Corentzich hat zu Embrich 3 und zu Duysseldorf 1,5 jar studirt, fiut III classis. Ist fur 4 jarn zu Collen titulo altaris . Hat disse capelle ( Adalberti Aquensis ) 1,5 jar vertretten .
Est vicarius. Verus rector est Leonhardus Merckelbach, a domino in Flamersheim institutus . Habet sacrum Bibliam, Theophiliactum, Brentuim, Paraphrases Erasmi, Cathcismum Brentii.
Ist in examine zimblich gelehrt und geschicht erfunden.
Haben keine widerteuffer.
In aliisarticulis nihil, dan se gehoren under Bossler.
Der vicarius hat sein gehalt neben der capellen gult und renthen schriftlich uberantwort.

12. Juli 1582

Übersetzte und kommentierte Fassung:

Der Kaplan Servatius Spiell berichtet, dass es dort einen Marienaltar gibt, zu dem auch ein Anniversarium (Jahresgedächtnis) gestiftet wurde.
Im Rahmen dieses Jahrtags sind 30 Messen zwischen Ostern und Pfingsten zu feiern. Der Ausdruck „einnachpaurdienst“ kann bedeuten, dass eine einzelne Nachbarschaft oder Familie die finanzielle Verantwortung für diesen Altar bzw. das Messgedächtnis übernommen hat.

Eie Kollatoren (also Präsentations- und Patronatsherren) sind die Erben der Familie von Pallandt zu Flamersdorf (Flamersheim).

Der letzte Kaplan vor Spiell war ein gewisser Peter aus Brabant.

Anmerkung des Chronisten: Damit der dürfte der 10 Jahre zuvor genannte Peter von Braicheln (Brachelen) vermutlich wegen seiner lebensführung abgelöst worden sien.  

Hottorpf. Der Kaplan Servatius Spiell berichtet, es sei daselbst auch ein Altar der Mariae neben einem anniversario zu thun 30 missen zwischen Ostern und Pfingsten, und were einnachpaurdienst. Kollatoren d   Erben von Palant zu Flamersdorff . Peter Brabender letzter Kaplan